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Dienstag, 31. Mai 2016

Leseempfehlung: Die Geister sind hellhörig - Erika Dreier

Mittwochs ist in einer Facebook-Gruppe, deren Mitglied ich bin, Autorentag. Die Mitglieder können eigene Kurzgeschichten, Gedichte, Bücher, die sie selbst schrieben oder ihnen gefallen, vorstellen. Wir kamen ins Gespräch, Erika Dreier und ich. Ihre Abschlussarbeit des Studiengangs »literarisch Schreiben« an der Schule für angewandte Linguistik SAL, in Zürich, hielt ich 14 Tage später in meinen Händen und möchte Ihnen das Buch vorstellen, welches 2012 in Erstauflage erschien.

Der Titel »Die Geister sind hellhörig« wird der Handlung des Buchs nicht gerecht. Als ich ihn las, dachte ich sofort an das Genre Esoterik. Aber weit gefehlt.

Ich schlug das Buch auf, begann zu lesen, war von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt von der Thematik, die sich hinter dem irreführenden Titel versteckt.

Der Schreibstil, bildhaft tief, mit Metaphern angereichert und emotional ergreifend, ist einfach wundervoll und berauschend. Der Roman trägt autobiografische Züge, deshalb wirkt die Ich-Erzählweise sehr privat, lässt die Leser die Geschichte ziemlich real erleben.

zum Inhalt:

1972 besucht die Krankenschwester Anne mit ihrem Mann eine Veranstaltung, organisiert von einer christlichen Organisation. Dort erfahren sie, dass eine Krankenstation einer ehemaligen Missionsstation in Südamerika unbesetzt sei, dafür suche man Leute. Jung und naiv, voller Pläne und enthusiastisch eingestellt, überlegen sie nicht lange, melden sich freiwillig. Die große Freiheit wartet.

Alles was möglich ist, machen sie zu Geld, kaufen dafür eine kleine medizinische Ausrüstung mit allem, was nötig scheint, um Menschen im Busch medizinisch zu versorgen. Auch einen Land Rover und andere Ausrüstungsgegenstände legen sie sich zu. Eben alles, was eine Familie mit zwei kleinen Kindern in einem fremden Land, ´am nötigsten` braucht. Nachbarn, Freunde und Eltern steuern auch allerhand bei.

Im April 1973 machen sie sich auf den Weg; Anne 27, ihr Mann 25, die Tochter dreieinhalb und ihr Sohn acht Monate alt. Wenig angenehm die Schiffsreise. Ihre Ankunft in Argentinien wird begleitet vom damaligen Ausnahmezustand des Landes –mehr als abenteuerlich, manchmal bedrohlich. Irgendwann kommen sie endlich an, in Paraguay, MISSION TERRA NUEVA – YVYMARAY.

Was dann folgt ist die Schilderung ihrer Arbeit, ihres Lebens dort. Eine Lebensbeschreibung, die nachhallt, bis in die Seele dringt, mir die Tränen in die Augen treibt, mich als nachdenkliche Leserin zurück lässt. Eine Geschichte des puren nackten Überlebens und des langsamen Verschwinden eines ganzen Volkes. Die Autorin weiß die Worte so zu setzen, dass sie sich einbrennen bei den Lesern – für immer.

Sie gab mir die Erlaubnis aus ihrem Buch zu zitieren. Ich hab drei kleine Absätze ausgewählt, die für mich verdeutlichen, welch dringliche humane Botschaft mit diesem Buch transportiert wird.

»Nichts scheint mehr übrig von ihrem stolzen Erbe. Ihr Land beanspruchen meist weiße Siedler, die aus anderen Teilen des Kontinents oder aus Europa kamen, für ihre Rinderherden. Die Tiere die die Indios jagten, sind geflüchtet.«

»Arbeitet, dann habt ihr auch zu essen. Es klang als dächten die weißen Menschen, die Enlhet seien faul. Und es klang, als hätten sie vergessen, dass sie selber als Gäste hergekommen waren und auf dem Boden lebten, den unsere Väter ihren Kindern bis dahin bewahrt hatten.«

»Wer hat den Menschen in diesem Land denn die Krankheiten gebracht, mit denen sie jetzt zu kämpfen haben: Tuberkulose, Keuchhusten, Masern? Und die andern Probleme: Den Hunger, den Alkohol und all das …? Die Weißen! Du und ich, wir sind da nicht ausgenommen!«

Je weiter ich im Lesen des Buchs fortschritt, umso mehr flammte in mir der Gedanke auf:

»Was sind wir Weißen doch für hochmütige Geschöpfe, uns über andere Völker zu erheben, ihnen vorzuschreiben, an was sie glauben und wie sie leben sollen. Warum besetzen wir fremdes Land, wo wir doch dort eigentlich Gast sind und treiben die dort lebenden Menschen, die Eingeborenen, in Not und Elend?«

Erika Dreier sagt über sich selbst: »Nicht ich bin wichtig, sondern die Menschen dort«

Meine Achtung gehört der Autorin. Sie hat ein Buch geschrieben, welches eindringlicher nicht sein kann. Um es mit Kurt Tucholsky zu sagen: »Das Richtige ist: das intensive Buch. Das Buch, dessen Autor dem Leser sofort ein Lasso um den Hals wirft, ihn zerrt, zerrt und nicht mehr loslässt.«

»Die Geister sind hellhörig« ist solch ein Buch.

Chapeau Erika Dreier!

Meine Empfehlung: Das Buch, lesen Sie es!