Ein historischer Politthriller, der Spionageplot, Kalten Krieg und die Nachbeben von Auschwitz so kunstvoll verschränkt, dass man den Roman kaum noch als „bloße Fiktion“ lesen kann: „Codename Herzstoss“ ist ein vielschichtiger Agentenroman über Schuld, Loyalität und späte Wahrheiten – und schreit förmlich nach einer Fortsetzung.
Toni Garber verankert seine Handlung in der Endphase des Kalten Kriegs. Geheimdienste, Schattenarmeen und politische Machtspiele jenseits demokratischer Kontrolle bestimmen das Geschehen. Die Ramstein-Katastrophe, die ökonomische Krise der DDR (Schalk-Golodkowski, Technologieschmuggel, Devisenbeschaffung) sowie Anspielungen auf NATO-Stay-behind-Strukturen wie die rechte Geheimarmee „Herzstoss“ verleihen dem Roman eine beklemmende politische Tiefenschärfe. Die Einbindung realer Figuren – Markus Wolf, Gabriele Gast, Schalk-Golodkowski oder „Platow“/Putin – erzeugt eine produktive Unruhe, in der historische Realität und Fiktion gefährlich nahe rücken.
Besonders eindrucksvoll ist, wie die große Spionagegeschichte auf ein traumatisiertes Kinderschicksal zurückgeführt wird. Das kleine Mädchen Davaa, das in Auschwitz in einer Latrine überlebte, wird von der sowjetischen Scharfschützin Theresa aufgenommen und zur Schwester im übertragenen, gefühlten Sinne erklärt.
Der Autor verzichtet auf pathetische Ausschmückungen; die knappen, nüchternen Sätze verleihen dem moralischen Kern des Romans große Glaubwürdigkeit. Dass aus dem geretteten Kind später die brillante, ambivalente Geheimdienstakteurin Nara, „die Sonne“, wird, ist die tragische Pointe des Buches.
Das emotionale Zentrum bildet die Beziehung zwischen Max, Münchner Kriminalkommissar, und seiner Mutter Theresa, die ihre Vergangenheit als KGB- und BND-Agentin jahrzehntelang hinter der Fassade einer scheinbar gewöhnlichen Hausfrau verborgen hat. Zwischen Kaffeetafel, Käsekuchen und beiläufigen Enthüllungen über Mordaufträge, Libyen-Operationen und Kriegserinnerungen entsteht eine intime Spannung, wie man sie eher aus Familienromanen kennt.
Sorgfältig gezeichnete Nebenfiguren erden die große Politik im Alltag von BRD und DDR. Detailreichtum und feiner Humor schaffen Authentizität. Garbers filmische Erzählweise baut stetige Spannung auf. „Codename Herzstoss“ stellt unbequeme Fragen nach Staatsräson und moralischer Verantwortung. Die Schlussszene lässt vieles offen und deutet einen Generationenwechsel an. So kann Toni Garber seine Leserschaft nicht zurücklassen – ich plädiere für Band zwei!
Heidelinde Penndorf
(Januar 2026)


















