„Echorockband oder das ganz große Geld“ ist ein ungewöhnlich aktueller Krimi über Love-Scamming, der Liebesgeschichte, Vereinsleben und organisierte Kriminalität zu einem spannend erzählten „Scammerkrimi“ verwebt. Im Zentrum stehen der Gitarrist Miguel, für den die Echorockband und der Musikverein „Goldene Note“ Lebensinhalt sind, und Olga, eine IT-Fachfrau und Geflüchtete aus Tadschikistan, die sich hinter der glamourösen Identität „Alice“ verbirgt. Während Miguel vor allem für Musik und Vereinskasse brennt, kämpft Olga mit traumatischer Fluchterfahrung, der Sorge um ihre Familie und der Sehnsucht nach Zugehörigkeit.
Der Roman zeigt, wie professionelle Scammer systematisch emotionale Schwachstellen ausnutzen: Olgas Sehnsucht nach ihrer Familie, ihre Hilfsbereitschaft und ihre IT-Kompetenz werden erst durch den angeblichen Landsmann Oleg und dann durch den Drahtzieher Alexej in ein perfides Erpressungs- und Betrugssystem eingespeist. Teynor macht anschaulich, wie Love-Scamming funktioniert – vom Vertrauensaufbau über Messenger bis zur Geldüberweisung über internationale Transferdienste – und welche Scham und Existenzangst die Opfer davon abhalten, Hilfe zu suchen. Gleichzeitig erzählt das Buch eine Liebesgeschichte, die bewusst mit Vertrauen, Verrat und moralischer Ambivalenz spielt: Olga bestiehlt Miguels Verein, um – unterstützt von der Polizei – den Betrügern eine Falle zu stellen und gleichzeitig weitere Opfer zu schützen. Das Risiko ist enorm, die Folgen persönlich wie strafrechtlich fatal, doch gerade dieser moralisch graue Bereich macht den Reiz der Geschichte aus.
Der Roman ist in fünf Teile gegliedert („Miguel“, „Olga“, „Geld“, „Alexej“, „Erfolg oder Misserfolg?“) und wechselt die Perspektive bewusst: erst der Blick des idealistischen Musikers, dann Olgas Hintergrundgeschichte, danach die Eskalation um das Geld, schließlich die Täterperspektive und die Frage nach Schuld, Vergebung und Konsequenzen. Dieser Aufbau verleiht dem Text Tempo und Vielschichtigkeit: Leserinnen und Leser erfahren dieselben Vorgänge aus Opfer‑, Täter‑ und Außenperspektive und erkennen so die Mechanik des Scammings in ihrer ganzen Tiefe. Besonders stark geraten die Figurenzeichnungen von Olga und Miguel: Olga ist keine naive, „dumme“ Betrogene, sondern eine kompetente, reflektierte Frau, die aus Ohnmacht und Schuldgefühl heraus zu einer riskanten Gegenoffensive ansetzt. Miguel wiederum verkörpert die verletzliche Seite des Buchhalters mit Rockerseele, der zwischen beruflicher Integrität, Vereinsverantwortung und privaten Gefühlen hin‑ und hergerissen wird und lernen muss, die eigene Mitschuld (sorglos hingelegte Zugangsdaten) zu sehen, ohne sich völlig zu zerstören.
Mit Alexej führt Teynor die Perspektive des Täters ein, der als eiskalter Opportunist innerhalb einer mafiös organisierten Struktur agiert, für den ein Gefängnisaufenthalt eher Karriereschritt als Makel ist. Diese Innensicht zeigt, wie professionell und industrialisiert der Betrug abläuft, ohne den Täter je zu verharmlosen. Stilistisch bleibt Teynor nah an ihren Figuren: viel direkte Rede, innere Monologe und anschauliche Milieuschilderungen (Musiklokale, Vereinsheim „Goldene Note“, Behördenwege, Chats) machen den Text leicht zugänglich und emotional unmittelbar. Die Musik – von „We Will Rock You“ bis Queen-Balladen – fungiert nicht nur als dekorativer Soundtrack, sondern als emotionaler Resonanzraum, in dem sich Erinnerungen, Sehnsucht und Lebensmut bündeln.
Gleichzeitig schiebt der Text immer wieder erklärende Passagen ein, etwa wenn die Polizistin Love-Scamming einordnet oder die neue Rolle von KI in der Betrugsbekämpfung erläutert. Dadurch gewinnt der Roman einen aufklärerischen, fast dokumentarischen Zug, der deutlich macht: Das hier ist nicht nur Fiktion, sondern spiegelt reale Maschen, reale Opferzahlen und reale Hilfswege. Zu den großen Stärken gehören die Aktualität des Themas (Love-Scamming, Geldwäsche, internationale Betrügernetzwerke und die Rolle von KI bei Ermittlungen), die vielschichtige Protagonistin Olga, die Verknüpfung von Musik, Vereinsleben und Kriminalität sowie die moralische Ambivalenz der Frage, ob ein „guter Zweck“ die Instrumentalisierung fremden Geldes rechtfertigen kann. Der Roman erklärt die Mechanik von Love-Scamming, ohne in trockene Theorie zu kippen, und ermutigt ausdrücklich, zur Polizei zu gehen und sich nicht zu schämen.
„Echorockband oder das ganz große Geld“ ist damit ein engagierter, emotional erzählter Krimi, der ein tabuisiertes, hochaktuelles Phänomen sichtbar macht und dabei auf glaubwürdige Figuren, ein lebensnahes Milieu und ein hohes Maß an Empathie für die Opfer setzt. Wer Krimis mit gesellschaftlichem Hintergrund, starken Frauenfiguren und einem Schuss Musik und Vereinsalltag mag, findet hier eine ebenso aufrüttelnde wie tröstliche Geschichte, die ich sehr gern weiterempfehle.
Heidelinde Penndorf
(Februar 2026)
















