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Montag, 2. Februar 2026

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Thanatos - Der Kelch der Zeit - Jean P. & Esther Novalis



Mit Thanatos – Der Kelch der Zeit legen Esther Novalis und Jean P. ein Werk vor, das weit über klassische Science-Fiction hinausgeht. Mutig ist vor allem der gewählte Erzählweg: ein konzentriertes, nahezu durchgehendes Lesen wird nicht nur eingefordert, sondern geradezu vorausgesetzt. Das Ergebnis ist ein Roman, der intellektuell fordernd und zugleich fesselnd wirkt. Die Erzählung bewegt sich souverän zwischen Zeitreisebericht, Zukunftsvision, philosophischer Reflexion und gesellschaftlichem Kommentar zu Technologieethik, Klassengegensätzen und Verantwortungskultur. In dieser formalen wie inhaltlichen Ambition überzeugt das Werk auf ganzer Linie.

Besonders klug getroffen ist die Entscheidung, die Handlung als dokumentierte Radiosendung beziehungsweise Holo-Podcast aus der Zukunft zu präsentieren. Dieser Kunstgriff entfaltet eine außergewöhnliche Wirkung: Er erzeugt Nähe zu Realität und faktischem Wissen und verunsichert die Leserschaft zugleich auf produktive Weise. Was ist Bericht, was Mythos, was Projektion? Gerade diese bewusst gesetzte Unschärfe gehört zu den großen Stärken des Romans. Fiktion erscheint hier nicht als Gegenentwurf zur Wirklichkeit, sondern als deren Spiegel und Erweiterung.

Inhaltlich entfaltet sich ein dichtes Geflecht aus Zeitlinien, Paralleluniversen und interstellaren Begegnungen, welches trotz seines kosmischen Maßstabs stets am Menschlichen verankert bleibt. Figuren wie Jabari, Tumaini und Sababu sind emotional glaubwürdig gezeichnet; ihre inneren Konflikte erden die großen Ideen und verleihen ihnen Gewicht. Der sagenumwobene Kelch fungiert dabei weniger als bloßes Genre-Artefakt denn als symbolisches Zentrum für Verantwortung, Erinnerung, Macht und ethische Grenzziehungen. Zugleich ist er ein Sinnbild von Innigkeit und tiefem Gefühl, ein Zeichen für Völkerverständigung und Frieden. Und das nach innen wie nach außen, sowie für die fragile, doch hoffnungsvolle Stabilität der Universen. In ihm spiegelt sich das Mitgefühl der Welten, das verbindet, was Zeit, Raum und Herkunft zu trennen versuchen.

Dies zeigt sich etwa in den moralischen Belastungen von Zeitreisen oder im Eloi-Morlocks-Konflikt, der Gendefekte, Heilungsversprechen und soziale Hierarchien miteinander verschränkt. Und natürlich sind die Protagonisten auch vor Romanesco nicht sicher – ein Detail, das die existenzielle Fallhöhe zusätzlich schärft.

Sprachlich bewegt sich der Roman sicher zwischen nüchterner Dokumentation und poetischer Verdichtung. Literarische, historische und philosophische Bezüge – von H. G. Wells, Gene Roddenberry bis hin zu politischen und mythologischen Motiven – sind organisch eingewoben. Sie wirken nie ornamental, sondern vertiefen den Text und laden zu einer reflektierenden Wiederlektüre ein, bei der sich neue Bedeutungsschichten erschließen.

Besonders hervorzuheben ist die Bedeutung dieses Bandes im Gesamtwerk des Autorenduos. Die vorhergehenden Teile finden hier eine konsequente und zugleich emotionale Vollendung. Offene Fragen werden gebündelt, thematische Linien geschlossen, Motive aufgelöst. Rückblickend beginnt das gesamte erzählerische Universum in neuem Licht zu leuchten. Dieser Schlusspunkt wirkt stimmig, mutig und erzählerisch kraftvoll, auch wenn die damit verbundenen Helden-Risiken bewusst ambivalente Grauzonen öffnen und nicht jede moralische Entscheidung eindeutig ist.

Thanatos – Der Kelch der Zeit ist ein anspruchsvolles, vielschichtiges Werk, das seine Leserinnen und Leser fordert, ohne sie zu verlieren. Der Roman beweist eindrucksvoll, dass deutschsprachige Science-Fiction literarisch tiefgründig, reflektiert und visionär sein kann – und markiert damit einen würdigen Abschluss eines außergewöhnlichen Projekts. Ein Buch voller Gefühl, in dem Denken und Empfinden eins werden – getragen von der Sehnsucht nach Frieden, Verständnis und der leuchtenden Beständigkeit des Menschlichen im Universum. Ich wünsche mir von diesem Autorenduo weitere solche tiefgründigen SF-Bücher.

Auch der letzte Teil der Trilogie ist sehr empfehlenswert.

Heidelinde Penndorf

(Februar 2026)













Samstag, 17. Januar 2026

⭐neue Leseempfehlung:⭐Ich höre dich, du hörst mich nicht - Gert Richter



Psychologisch messerscharf, moralisch provokant – ein Roman über die Grenzen des Zuhörens

Gert Richters Roman webt ein dichtes Netz aus Schuld, Nähe und Verantwortung um Frank Maria Sellin, einen bezahlten Zuhörer in einem altbürgerlichen „Zuhörbüro“. Hier entladen Klienten ihre Lebensgeschichten – von Seitensprüngen bis zu existenziellen Familiendramen –, ohne Rat zu erwarten, nur mit neutralem Protokoll. Sellin wahrt professionelle Distanz, bis Anne auftaucht: dynamisch, verletzlich, fordernd.

Annes Geschichte – der Unfalltod von Mann und Sohn, eine verdrängte Schuld, die Begegnung mit Klara – reißt ihn aus seiner Haltung des Sich-Raushaltens. Zwischen Nähe und Verweigerung entsteht eine sanfte Liebesbeziehung auf Distanz, die jedoch an Emmas moralischer Krise zerbricht: Mieterhöhungen im Lohnerviertel verlangen Haltung und Handlung. Anne fordert Engagement, Sellin verweigert dieses – und verliert sie.

Stärken sind die präzise Psychologie der Figuren, der dialoggetriebene, mündlich frische Stil und das konsequent durchgespielte Leitmotiv „Zuhören ohne zu handeln“. Die Bezüge zum barmherzigen Samariter und zur Ruanda-Episode wirken nicht aufgesetzt, sondern als Spiegel gesellschaftlicher Bequemlichkeit. Der reale Hintergrund bezahlter Zuhör-Dienste verleiht der Fiktion zusätzliche Schärfe.

Fazit: Ein anfangs irritierender, sehr interessanter und lange nachhallender Roman. Seine größte Stärke liegt darin, dass er unbequem ist – und dazu zwingt, über die eigene moralische Bequemlichkeit nachzudenken.

Der Autor ist sehr vielseitig, unter anderem zeichnet/malt er die Cover zu seinen Büchern selbst. Die grellen Rot- und Gelbtöne dieses Buchcovers brechen wie Funken aus der Dunkelheit hervor und suggerieren Momente scheinbarer Nähe, etwa wenn der Zuhörer die Sorgen anderer aufnimmt. Gleichzeitig erzeugt das überwältigende Schwarz ein Gefühlschaos, das Isolation und Überforderung ausdrückt – ein Sog, der alles verschlingt, ohne echte Verbindung herzustellen.

​Genau dieses Chaos spiegelt die einseitige Dynamik wider: Nähe durch Zuhören, doch Chaos durch fehlende Gegenseitigkeit, was die empathische Belastung der Protagonisten greifbar macht und auch die Zerrissenheit der scheinbaren Nähe spürbar werden lässt.

Sehr gern empfehle ich dieses Buch der Leserschaft weiter.

Heidelinde Penndorf

(Januar 2026)










Freitag, 16. Januar 2026

⭐neue Leseempfehlung:⭐Der Blutmensch zu Köln - Eva-Maria Silber & Kirsten Wilczek



Ein historischer Kriminalroman, der lange nachhallt

Der Blutmensch zu Köln hat mich von der ersten Seite an gefesselt. Vor dem eindrucksvollen Panorama des Kölns im Jahr 1847 entfaltet sich ein Kriminalfall, der weit mehr ist als reine Spannung: Er erzählt von Vorurteilen, Macht, Zweifel – und vom zeitlosen Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit.

Der Roman überzeugt durch seine außergewöhnlich dichte Atmosphäre. Der noch unvollendete Dom, die engen Gassen, die sozialen Gegensätze und die Härte des damaligen Rechtssystems werden so lebendig beschrieben, dass man sich mitten in der Stadt wähnt. Besonders stimmig ist dabei der gezielte Einsatz der kölschen Mundart, die in Dialogen immer wieder aufscheint und den Figuren zusätzliche Authentizität verleiht. In den Gerichtsszenen hingegen dominiert bewusst das Hochdeutsche – ein wirkungsvoller Kontrast, der die formale Strenge und Macht der Justiz eindrucksvoll unterstreicht.

Besonders beeindruckt hat mich die Protagonistin Mathilde von Tabouillot. Klug, mutig und zugleich menschlich verletzlich steht sie für all jene, die sich gegen festgefügte Strukturen behaupten müssen. An ihrer Seite agiert ein vielschichtiges Ensemble, das der Geschichte Tiefe und emotionale Kraft verleiht.

Ein Höhepunkt des Romans ist die ausführlich geschilderte Gerichtsverhandlung. Trotz ihres Umfangs bleibt sie durchgehend spannend und zeigt eindringlich, wie schmal der Grat zwischen Wahrheit und Interpretation ist – ein Thema, das erschreckend aktuell wirkt.

Sprachlich ist das Buch hervorragend gestaltet: dicht, atmosphärisch und dennoch sehr gut lesbar. Auch das Cover fügt sich stimmig in das Gesamtbild ein und lädt direkt in die historische Welt Kölns ein.

Ein außergewöhnlich gelungener historischer Kriminalroman mit Herz, Verstand und historischer Tiefe. Uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die Spannung mit Atmosphäre und Relevanz schätzen.

Heidelinde Penndorf

(Januar 2026)









Donnerstag, 15. Januar 2026

⭐neue Leseempfehlung:⭐Fluch der Hexenschwestern: Liebe überwindet alles - Christine Engel



Ich habe das Buch Der Fluch der Hexenschwestern mit großem Interesse gelesen. Bereits auf den ersten Seiten entfaltet sich eine besondere Magie, die mich sofort in ihren Bann gezogen hat. Die Geschichte lebt von vielschichtigen Spannungen sowie geheimnisvollen, kraftvollen Gefühlen und stellt zwei sehr unterschiedliche Kräfte ins Zentrum, deren Gegensätze einen faszinierenden Widerstreit zwischen Licht und Schatten erzeugen.

Besonders gelungen empfand ich die Verknüpfung von Fantasie mit historischen Anklängen, die der Erzählung Tiefe und Atmosphäre verleihen. Motive wie Verlust und Wiederfinden, Eifersucht, Nähe und die verbindende Kraft der Liebe geben dem Roman eine emotionale Dimension, die weit über reine Unterhaltung hinausgeht.

Einen kleinen Kritikpunkt möchte ich dennoch anmerken: Vor allem in längeren Dialogpassagen hätte ich mir stellenweise eine feinere, dynamischere Ausdrucksweise gewünscht. Dieser Aspekt schmälert den Gesamteindruck jedoch kaum. Insgesamt überwiegt das Positive deutlich – eine mitreißende Geschichte, die mich bis zur letzten Seite in ihrer magischen Welt gehalten hat.

Gern empfehle ich das Buch der Leserschaft weiter.

Heidelinde Penndorf

(Januar 2026)









Dienstag, 13. Januar 2026

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Du wirst die Nächste sein - Sabine Schumacher



Schon das Cover ist interessant, macht neugierig – schlicht, aber eindringlich. Der Drohbrief als zentrales Motiv ist mehr als nur Dekoration: Er verweist bereits auf die unterschwellige Bedrohung, die sich durch das gesamte Buch zieht.

Sabine Schumacher entwirft mit „Du wirst die Nächste sein“ einen Spannungsroman, der ohne übertriebene Brutalität auskommt und gerade dadurch seine Wirkung entfaltet. Ich habe mich beim Lesen oft gefühlt, als stünde ich direkt neben Linda Osterbruck, dieser jungen Justizangestellten, deren Alltag von einer Sekunde auf die andere aus den Fugen gerät. Ich spürte ihre Angst, ihr Misstrauen, aber auch ihre Entschlossenheit.

Der Schreibstil ist flüssig, atmosphärisch dicht und dabei angenehm unaufgeregt. Die Schauplätze wirken lebendig – vom sommerlichen München bis hin zur ländlichen Stille, die alles andere als beruhigend ist. Besonders gelungen finde ich, dass die Handlung zunächst etwas rätselhaft beginnt, sich aber Stück für Stück zu einem stimmigen Ganzen hinzufügt.

Mehrmals glaubte ich, den Verlauf der Geschichte zu kennen – nur um mich jedes Mal aufs Neue überraschen zu lassen. Das Ende ist unerwartet, dabei vollkommen schlüssig und sehr befriedigend.

Fazit:

Ein fesselnder, gleichzeitig gefühlvoller Spannungsroman mit subtiler Psychologie, atmosphärischer Dichte und einer Protagonistin, deren Ängste und Stärke man wirklich spürt. Ideal für alle, die Krimis mögen, die mehr auf Kopf und Herz als auf Blut setzen. Von mir eine klare Leseempfehlung.

Heidelinde Penndorf

(Januar 2026)









Dienstag, 9. Dezember 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Mission Undercover: Gefährliche Liebe - Edition Gazzetta & Jean P.



Neuauflage

Die Handlung knüpft einige Zeit nach den dramatischen Ereignissen des Buchs ››Katjuscha‹‹ an (https://kurzlink.ch/in8c) und erzählt auf originelle und bezaubernde Weise, die Liebesgeschichte der Protagonisten Yvonne und Sven. Sie sind auch ausgestattet mit intensiven telepathischen Fähigkeiten, welche beider Leben so manches Mal verkompliziert, zumal ihre Beziehung eng verknüpft ist mit den Ereignissen des ersten Buchs. So einige Schockmomente und überraschend inszenierte Wendungen sind dadurch garantiert.

Die Liebesspiele, denen sich Sven und Yvonne zwischendurch hingeben, kommen sehr romantisch, reizvoll, sexy und anregend rüber. Irritiert haben mich die Handlungssprünge in den einzelnen Kapiteln, die für so einige Cliffhänger sorgen, die Aufklärung derer kommt aber immer.

Eine spannende Story, aufregend , erotisch und lebendig.

Wenn man ››Katjuscha‹‹ gelesen hat, ist dieses Buch eigentlich ein Muss. Ich empfehle es der Leserschaft gerne weiter.

Heidelinde Penndorf

(Dezember 2025)










Freitag, 5. Dezember 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐Hat hier jemand Weihnachten gesagt? - Valerie le Fiery & Frank Böhm



Wie schon in den vergangenen Jahren beschließe ich mein Lese- und Rezensionsjahr mit einem kleinen Weihnachtsbuch von Valerie le Fiery und Frank Böhm. Auch dieses Mal erwarteten mich liebevoll erzählte Geschichten rund um Weihnachten, Familien und Kinderwünsche – kleine Erzählperlen, die zum Innehalten einladen, ein Lächeln schenken und das Herz wärmen.

Ich begegnete einer wundervollen Fee und einer kleinen, mutigen Maus, die ihre Mäusefamilie begeistert dazu brachte, Weihnachten wie die Menschen zu feiern. Zudem lernte ich einen ganz besonderen Engel kennen, entdeckte eine modernisierte Lagerwelt am Nordpol und erlebte im Weihnachtswunderland, wie der Weihnachtsmann auf ein Wunder hoffte, um das Fest zu retten. Gemeinsam mit Karl Schnee schippte ich mich durch die weiße Pracht und spürte, wie aus eisiger Kälte durch viele kleine Wunder herzliche Wärme wurde.

Besonders beeindruckt hat mich die Güte des Schneeflockenengels Jonathan, und am Ende dieses Büchleins durfte ich ein großes, liebevolles Weihnachtswunder erleben.

Sehr gern empfehle ich dieses wunderschön geschriebene Weihnachtsgeschichtenbuch weiter – es ist ein kleines Herzensbuch und erinnert daran, wie wertvoll Empathie und weihnachtlicher Zauber sind.

Heidelinde Penndorf

(Dezember 2025)










Donnerstag, 27. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐Ich bin konservativ. Was sonst.: Essays wider den Zeitgeist - Markus Langemann

 



Oh Captain, my Captain – dieser ikonische Ruf steht seit jeher für den Mut, aufzustehen, wenn geistige Führung verloren geht, und für die Kraft, sich gegen die Bequemlichkeit des Mitlaufens zu stellen. In diesem Geist habe ich Markus Langemanns Essayband gelesen: als Einladung, wieder Haltung anzunehmen, Maß zu finden und meinen inneren Kompass zu schärfen, der in unserer Zeit allzu oft übertönt wird.

Das Buch versammelt rund 35 Essays, die in sprachlicher Eleganz, persönlicher Offenheit und gedanklicher Präzision zeigen, wie ein moderner Konservatismus heute verstanden werden kann. Ich habe beim Lesen oft gedacht, wie sehr Langemann es schafft, literarische Schönheit mit gesellschaftlicher Relevanz zu verbinden – und immer wieder betont er, dass die Erosion zentraler Werte nicht zufällig geschieht, sondern wesentlich durch politische und gesellschaftliche Führungsschichten beschleunigt wurde.

Langemann beschreibt eine Welt, die sich immer schneller dreht, und macht deutlich, dass Konservativsein kein Rückzug ist, sondern eine aktive Haltung, die Substanz, Verlässlichkeit und Stil bewahrt. Seine Bildsprache – die Schallplatte als Sinnbild des Innehaltens, das kleine Schwarze für verlorenes Formgefühl, die Sneaker als Zeichen entgrenzter Kultur – öffnet für mich anschauliche Zugänge und verleiht seiner Kritik eine Leichtigkeit, die dennoch nie an Tiefgang verliert.

Zugleich bleibt seine Kulturkritik nicht abstrakt: Ich habe oft nicken müssen, als Langemann zeigt, wie politische Führung und gesellschaftliche Eliten vielerorts zu Antreibern der Beliebigkeit geworden sind. Orientierung wird durch Schlagworte ersetzt, Prinzipien durch Stimmungen. Das Versagen derjenigen, die eigentlich Stabilität garantieren sollten, wird für ihn zur wesentlichen Ursache eines allgemeinen Werteverlustes. Wer an der Spitze schwankt, lässt die Gesellschaft ohne Richtung zurück – und ich spürte beim Lesen, wie dringend wir wieder klare Maßstäbe brauchen.

Doch trotz dieser Analyse bleibt seine Haltung konstruktiv. Für mich wird deutlich: Konservativität ist keine starre Verteidigung alter Formen, sondern eine „aktive Werkstatt“, in der Werte wie Freiheit, Verantwortung und Solidarität erneuert werden. Seine Essays zeigen, dass Tradition lebendig bleibt, wenn man sie nicht musealisiert, sondern in die Gegenwart hinein weiterdenkt. Ich fand diesen Ansatz überraschend modern, dialogbereit und zukunftsgewandt.

Die Spannweite seiner Texte reicht von gesellschaftlichen Beobachtungen über politische Diagnosen bis hin zu persönlichen Einsichten. Besonders berührt hat mich seine Verletzlichkeit, die zwischen den Zeilen spürbar wird: Die Sehnsucht nach Beständigkeit, Ruhe und Sinn wird nicht theoretisch diskutiert, sondern menschlich fühlbar. Ich konnte mich immer wieder darin wiederfinden, dass Werte keine abstrakten Begriffe sind, sondern innere Koordinaten unseres Lebens.

„Ich bin konservativ. Was sonst.“ ist damit weit mehr als ein politischer Kommentar. Für mich ist es ein literarisches, nachhallendes Plädoyer für Achtsamkeit und eine innere Haltung, die der Schnelllebigkeit unserer Zeit etwas entgegengesetzt. Der Band bietet Orientierung, ohne zu dogmatisieren, und schafft einen geistigen Raum, der nicht belehrt, sondern stärkt.

Am Ende bleibt mir das Gefühl, einem Autor begegnet zu sein, der in einer unübersichtlichen Welt nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit klarer Stimme und offenem Herzen spricht. Eine Stimme, die mich dazu einlädt, aufzurichten, wo andere flach geworden sind. Eine Stimme, die mich daran erinnert, dass Führung nicht Lautstärke bedeutet, sondern Integrität.

Und so spannt sich für mich ein leiser, aber kraftvoller Bogen vom ersten Satz bis zur letzten Seite: der Ruf nach einem Denken und Verhalten, das wieder Würde hat. Oh Captain, my Captain.

Sehr gern empfehle ich das Buch weiter, man sollte es gelesen haben.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)





Freitag, 21. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐AHORN FEUERHERZ - Christine Keller



Diese Geschichte hat mich ganz unmittelbar berührt – nicht nur als Leserin, sondern als Mensch. Die Autorin entführt die Leserschaft tief in die Innenwelt eines introvertierten Mädchens. Ihre enorme Sensibilität und verletzliche Empathie erinnerten mich an eigene Unsicherheiten. Besonders berührend ist die Darstellung ihrer schnellen, schmerzhaften Suche nach Selbstliebe und das Hin- und Her zwischen Verletzlichkeit und Stärke, verkörpert durch ihren imaginären Freund Cassian, der ihr Halt und Hoffnung gibt, und genau zur Hallowen-Zeit in Erscheinung tritt.

Im Hauptteil wird anschaulich beschrieben, wie schwierig es für das Mädchen ist, mit Selbstverletzungen umzugehen und in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem die Eltern zwar körperlich präsent, aber emotional abwesend sind. Der imaginäre Freund wird als innerer Schutzraum greifbar – ein liebevoller Begleiter, der bleibt, zuhört und Mut macht. Gleichzeitig erlebt sie zarte Momente der Annäherung mit David ihrer ersten großen Liebe im Klassenverband ihres Colleges, der ihr zuletzt seine Zuneigung zeigt. Diese Begegnungen bringen kleine Lichtblicke in ihr Leben und verdeutlichen, wie sich Vertrauen und Nähe trotz Verletzlichkeit entwickeln können.

Beeindruckend ist, wie die Geschichte die Herausforderungen eines jungen Menschen schildert, der trotz Distanz und Unverständnis seinen eigenen Weg zur Selbstakzeptanz sucht. Das Buch sensibilisiert für psychische Belastungen und zeigt, wie wichtig es ist, innere Stimmen ernst zu nehmen.

Es ist ein sensibles, authentisches Porträt einer jungen Seele, das mit seiner Verletzlichkeit zugleich große Stärke zeigt. Ein stilles, tief bewegendes Plädoyer für Empathie, Selbstannahme und die Kraft innerer Begleiter – ein Buch, das lange im Nachhall bleibt.

Am Ende der Geschichte fügt die Autorin zudem Wissenswertes über den Ahorn zusammen und ergänzt die Erzählung mit passenden Rezepten. Diese zusätzlichen Informationen bereichern das Buch auf eine besondere Weise und laden die Leserschaft ein, das Gelesene im übertragenem Sinn, auch praktisch zu erleben.

Gern empfehle ich diese Urban-Fantasy-Geschichte weiter.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)












Mittwoch, 19. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Der Tod allein ist keine Frau - Carola Seeler & Heiger Ostertag

 




„Der Tod allein ist keine Frau“ ist ein Roman, der eindringlich von Identität, Macht und der Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen erzählt. Das Autorenduo verbindet eine präzise, stellenweise kühle Sprache mit atmosphärisch dichten Bildern, die lange nachwirken. Persönliche Traumata und gesellschaftliche Strukturen verweben sich zu einem Geflecht aus Schmerz, Widerstand und Sehnsucht – ohne in einfache moralische Kategorien zu verfallen.

Die Figuren sind komplex, widersprüchlich und zutiefst menschlich. Im Zentrum steht die Studentin Aische Ylmaz, die im beschaulichen Passau ihre Freundin ermordet auffindet. Dieses Ereignis zieht sie in die düsteren Seiten der kleinen Stadt hinein und führt sie an die Grenzen von Loyalität und Angst. Gemeinsam mit Kommissar Xaver Moosleitner blickt sie hinter die Fassaden religiöser und gesellschaftlicher Verbindungen, entdeckt Machtmissbrauch und andere dunkle Geheimnisse. Mit kompromissloser Selbstanalyse und verletzlicher Stärke trägt die Protagonistin durch die Geschichte, in der sich introspektive Innenschau und scharfe Realität zu einem psychologisch intensiven Panorama verweben.

Besonders eindrucksvoll ist die Frage, was Überleben bedeutet, wenn das eigene Selbstbild zerbrochen ist. Der Roman schaut ungeschönt auf die Erfahrungen von Kindern, die in Institutionen oder kirchlichen Einrichtungen Gewalt und Entwürdigung erlebt haben. Er zeigt, wie tief solche Verletzungen Identität und Geschlechtsempfinden prägen können – bis hin zur Verdrängung oder Aufspaltung des eigenen Ichs.

Auch in der studentischen Gruppe verdichten sich individuelle Brüche zu einem kollektiven Spannungsfeld. Mit Aisches Erlebnis reißt das Verdrängte wieder auf, Loyalitäten geraten ins Wanken und gesellschaftliche Fassaden beginnen zu bröckeln. Das Autorenduo zeichnet ein präzises Bild einer von Schuld, Schweigen und Machtkämpfen geprägten Gesellschaft, in der selbst privilegierte Milieus nicht frei von Verstrickungen bleiben.

„Der Tod allein ist keine Frau“ ist kein leichtes Buch – aber eines, das mutig dorthin blickt, wo viele wegsehen. Es ist ein Buch, das man nicht einfach „liest“, sondern das man eine Weile mit sich herumträgt. Es fordert, erschüttert und schenkt jene seltene Klarheit, die entsteht, wenn Literatur das Unsagbare berührt.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)







Dienstag, 11. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Das Henkerlächeln Teil II: Klarheit im Zeitalter der Auflösung - Johannes Henker



Schon allein das Vorwort der Schattenchronistin zu „Das Henkerlächeln – Klarheit im Zeitalter der Auflösung“ berührt mich tief und stimmt sehr nachdenklich, denn es beschreibt ein Buch, das mutig und unerschrocken die gesellschaftlichen Wunden offenlegt, ohne sich der Zustimmung anzubiedern.

Johannes Henker nimmt für mich eine klare Haltung ein, die sich entschieden gegen die weit verbreitete Kultur der Vermeidung und der moralischen Inszenierung richtet.

Der Autor zeigt eindrücklich, wie Anpassung, Selbstzensur und eine digital gesteuerte Empörungsökonomie unsere öffentliche Kommunikation prägen. Sprache wird dabei zunehmend verflacht durch Wohlfühlrhetorik und moralische Signale, während der Diskurs zur Bühne wird, auf der Haltungen performt und Inhalte ignoriert werden. Besonders beeindruckt mich seine These vom betreuten Konsens: Freiheit und Wahrheit verlieren durch selbstregulierte Kontrolle und ständige Selbstbeobachtung ihrer Substanz.

Trotz dieser schonungslosen Diagnose fühle ich Henker nicht als resigniert. Im Gegenteil – er fordert eine Klarheit auf, die in präziser Sprache und stiller Standhaftigkeit wurzelt. Für ihn bedeutet Widerstand vor allem die konsequente Weigerung, sich dem Sog der Beliebigkeit hinzugeben. Gerade weil das Buch keine einfachen Lösungen bietet, entfaltet es sich für mich eine nachhaltige Wirkung.

„Das Henkerlächeln“ Teil II ist für mich eine anspruchsvolle und pointierte Kritik an den Mechanismen unserer heutigen Diskurse. Es rüttelt auf, macht unbequem und fordert dazu heraus, die Realität mit ungeschönter Klarheit und Haltung zu betrachten. Dieses Buch empfehle ich allen jenen, die sich nicht mit oberflächlichen Antworten zufriedengeben, sondern eine tiefgehende Reflexion über Freiheit, Wahrheit und gesellschaftliche Dynamik suchen.

Das Buch regt dazu an, über die Bedeutung von Klarheit und Wahrheit in unserer digital geprägten Kommunikationskultur nachzudenken. Für mich ist es eine Einladung, Widerstand als stille Standhaftigkeit zu verstehen und die eigene Haltung zur Sprache kritisch zu reflektieren. Besonders nachdenklich macht mich Henkers These des „betreuten Konsenses“, die wichtigen Fragen über Freiheit, Demokratie und gesellschaftlichen Diskurs aufwirft – Fragen, die es wert sind, gerade heute immer wieder neu gestellt zu werden. Dieses Buch verdient gelesen zu werden, denn es analysiert mit bemerkenswerter Klarheit, woran unser Land erkennbar leidet.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)










Sonntag, 9. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Die Schuldigen Teil II: Herz vs. Verstand - Ava J. Thompson



Schon die ersten Seiten von Ava J. Thompsons zweitem Band haben mich gefesselt. Ich spürte sofort die Spannung, die in jeder Begegnung, jedem Blick liegt. Liebe wird hier zum Risiko, Loyalität zur Prüfung – und selbst die engsten Bindungen können retten oder zerstören. Matteo, Howard und die dazugehörigen vier Frauen stehen nicht nur vor der Frage, wie sie ihre Gefühle leben, sondern auch, wer sie innerhalb der starren Familienstrukturen wirklich sein dürfen, sein sollen.

Die Mafia erscheint mir hier nicht als glamouröses Machtspiel, sondern als archaisches System aus Erwartungen, Zwängen und unausgesprochenen Gesetzen. Jede Bindung ist eine Entscheidung, jeder Blick eine Prüfung, jede Geste eine potenzielle Schwäche:Die Ehe, die Macht sichern soll.
Die Freundschaft, die zugleich Heimat und Gefängnis ist.
Die Liebe, die nicht sein darf – und gerade deshalb nicht aufhört.
Überfälle die Leben auslöschen und physische Schäden nach sich ziehen

Thompson gibt den leisen Momenten Raum: der Sehnsucht, gesehen zu werden, der Angst, zu verlieren, was man nie ganz besitzen durfte, und dem Versuch, inmitten von Gewalt ein eigenes Herz zu bewahren. Howard ringt mit der Frage, ob Zugehörigkeit mehr bedeutet als Blutsbande – und was man dafür bereit ist aufzugeben. Seine Entwicklung zeigt, wie Loyalität zur Identität werden kann, aber auch, wie schnell Identität zur Last wird. Matteo steht zwischen Gefühl und Pflicht; sein Konflikt ist keine dramatische Explosion, sondern eine stille, bohrende Tragik: das Wissen, dass man sich selbst verliert, während man versucht, alle anderen zu schützen.

Die Frauen in dieser Geschichte sind keine Randfiguren. Ich habe bewundert, wie sie die Konsequenzen dieser Welt am unmittelbarsten spüren, tiefer lieben, härter verlieren und mehr tragen, als man ihnen zugesteht. Ihre Stärke liegt nicht in Lautstärke, sondern in Würde und manchmal sogar im Verlust der Würde und der daraus resultierenden Rache.

Thompsons Stil hat mich sofort gepackt. Prägnant, nuanciert, mit der perfekten Balance zwischen Spannungsspitzen und stillen Passagen. Rückblenden und Perspektivwechsel vertiefen die psychologische Dimension und machen jede Figur begreifbar – selbst dort, wo ich ihre Entscheidungen nicht nachvollziehen konnte.

So entsteht ein Bild der Mafia, das nicht vom Glanz lebt, sondern von Bindung, Loyalität und Liebe – die schützen, fesseln, heilen und manchmal verletzen. Herz vs. Verstand erzählt nicht vom Verbrechen, sondern von den Herzen, die darin gefangen sind. Ein Roman über Menschen, die in einem System überleben müssen, das wenig Raum zum Atmen lässt – und die gerade in diesen engen Zwischenräumen Hoffnung finden.

Durch die genial gezeichneten Familienstammbäume im Buch verdichtet sich die Geschichte auch ziemlich gegenwärtig und ich war gefühlt mitten unter den handelnden Personen.

Am stärksten hat mich der Moment getroffen, in dem die scheinbare Stabilität zerbricht. Der Überfall auf das Anwesen ist kein lauter Showmoment, sondern der Augenblick, in dem sichtbar wird, was Loyalität und Zugehörigkeit wirklich kosten: Sicherheit ist nur geliehen, Frieden immer vorläufig. Vertrauen wird fragil, Bindungen werden geprüft, und selbst die scheinbar unerschütterlichen Säulen der Familie geraten ins Wanken. Besonders die Frage, ob das Familienoberhaupt der Duartes überlebt, wirft einen Schatten über die letzten Seiten – weniger eine Frage des Körpers als eine Frage der Ordnung: Wer steht auf, wenn derjenige fällt, an den alle glauben.

Das Ende hat mich erschüttert. Nicht laut, sondern still. Ein Roman, der lange nach dem letzten Satz nachklingt und zeigt, dass Liebe und Loyalität erst dann ihre Bedeutung entfalten, wenn sie Gefahr und Prüfung standhalten – oder verlieren.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)










Dienstag, 4. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Das Henkerlächeln: Abrechnung mit einer untergehenden Gesellschaft - Johannes Henker



Johannes Henker gelingt mit „Das Henkerlächeln - eine schonungslose Abrechnung mit einer Gesellschaft“, die sich selbst in Bequemlichkeit und moralischer Selbstzufriedenheit ertränkt. Das Buch ist kein sanftes Trostpflaster, sondern ein scharfes Schlaglicht, das uns den Spiegel vorhält – der Henker vollstreckt seine Aussage ohne Erklärung, ohne Urteil, genauso unnachgiebig, wie Karl Kraus es in seinen scharfzüngigen Essays auf den Punkt gebracht hätte.

Henker nimmt uns mit durch dreizehn Kapitel, die wie Messerfiguren eines skalpellartigen Sezierens wirken: Demokratie als hohles Ritual, Bildung, die Wissen durch Haltung ersetzt, Medien, die nicht aufklären, sondern betreuen, Fortschritt, der sich nur noch in Tempo bemisst, und eine moralische Ersatzreligion, die echte Werte durch Empfindsamkeit und Konformität ersetzt. Dabei zeigt sich eine Gesellschaft in Haltung gefangen, die sich selbst lähmt und das Sprechen verlernt hat.

Was den Stil betrifft, erinnert mich Henker an Karl Kraus, nicht nur durch die sprachliche Präzision und die unbestechliche Kritik, sondern auch durch die moralische Schärfe und den Kampf gegen gesellschaftliche Heuchelei. Henker kanalisiert diese Tradition mit klarem Blick und beißender Ironie, ohne je in leichtfertigen Zynismus abzurutschen. Sein treffender Satz „Zynismus ist nur Wahrheit mit Haltungsschaden“ spiegelt dabei das ganze Dilemma unserer Zeit wider.

Für mich ist es ein kluges Buch, ein Buch, das lange nachhallt und zur Selbstreflexion zwingt. Es macht deutlich, dass nicht das System versagt, sondern wir Menschen, wenn wir uns in Bequemlichkeit und Oberflächlichkeit verlieren. Dieses Werk lädt dazu ein, sich der eigenen Rolle bewusst zu werden und den Mut zu finden, aus der Haltungslosigkeit auszubrechen.

Es ist ein wütendes, kluges und letztlich notwendiges und sehr mutiges Buch – ein literarischer Weckruf, der unbequem ist, der weh tut und nicht ignoriert werden sollte. Ich empfehle das Buch sehr gern weiter. Lesen Sie es, um zu verstehen, was in unserem Land passiert.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)







Montag, 3. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Der Wind spielt mit der Lokustür. Von den Folgen frühkindlicher Verlassenheit - Carola Hoffmann



Carola Hoffmanns Roman „Der Wind spielt mit der Lokustür“, erschienen 2005, lässt in klarer, unbeirrter Sprache das Heimkind Michael selbst zu Wort kommen. Seine Stimme trägt das Buch – unverstellt, klug und manchmal schutzlos – und offenbart ein tiefes Bedürfnis nach Vertrauen, Wärme und Verlässlichkeit, das er teilweise beim stillen Holzschnitzer Kalle findet. Doch die Erwachsenenwelt reagiert mit Misstrauen und Ordnungseifer, was letztlich in Michaels Rückkehr in ein Heim für „Schwererziehbare“ mündet – ein Wort, das die Intoleranz gegenüber Andersartigkeit offenbart.

Das Buch zeigt wiederholt das Motiv des „unbequemen Kindes“, das durch seine Andersartigkeit stört und daher ruhiggestellt werden soll. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählung und offenbart die Härte der Erziehungssysteme gegenüber individueller Verletzlichkeit.

Hoffmann zeichnet Michaels kindliche Sicht mit feinem Humor und großer Wahrhaftigkeit. Seine Beobachtung, dass Erwachsene Akten „als Haltbügel benutzen, wenn sie nicht weiterwissen“, vermittelt den Schmerz eines Kindes, das oft mehr sieht als die Erwachsenen.

Neben der Geschichte eines Heimkindes ist das Buch ein literarischer Blick in die Tiefenschichten menschlicher Verletzlichkeit und ein leises Plädoyer, zuzuhören, bevor man urteilt. Fachlich betrachtet greift es das Thema der „frühkindlichen Verlassenheit“ auf, eine Erfahrung, die das Leben prägt, auch wenn sie längst sprachlos geworden ist.

Dieses stille, eindringliche Buch wird durch Michaels unverwechselbare Stimme zu einem Werk, das lange nachhallt. Es wurde im Jahr 2005 verlegt und bleibt eine bedeutende literarische Auseinandersetzung mit emotionaler Verwundbarkeit und gesellschaftlichem Unverständnis. Sehr gern empfehle ich das Buch weiter.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)






Sonntag, 2. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Frau Emilia und die Detektivin 2: Wintergeschichten aus Kleinsonnendorf - Sabine Schumacher



Mit großer Vorfreude habe ich erneut den Weg nach Kleinsonnendorf gefunden – jenen kleinen literarischen Zufluchtsort, der mich schon beim ersten Band bezaubert hat. Auch dieses Mal gelingt es Sabine Schumacher, Leichtigkeit, Humor und emotionale Tiefe auf wunderbare Weise zu vereinen. Ihre Erzählkunst wärmt das Herz, ohne jemals ins Sentimentale abzurutschen.

Die drei miteinander verwobenen Geschichten fügen sich zu einem stimmungsvollen Ganzen. Kleinsonnendorf im Winter – ein wahres Lesevergnügen: liebevoll gezeichnet, atmosphärisch dicht und voller lebendiger Figuren. Man spürt in jeder Zeile, wie sehr die Autorin ihr kleines literarisches Dorf liebt. Doch auch hier ist nicht alles eitel Sonnenschein: mysteriöse Fallen im Wald, ein ambitioniertes Weihnachtsmarktprojekt, eine zarte Romanze, Geschwisterliebe, eine ungewisse Reise, ein beinahe gescheitertes Fest und ein charmanter Gigolo bringen Spannung und Bewegung ins winterliche Dorfleben.

Im Fokus stehen Freundschaft, Zusammenhalt und gegenseitige Hilfsbereitschaft – Themen, die sich behutsam in die Erzählungen einfügen und jeder Episode ihren eigenen emotionalen Klang verleihen.

Lady Emilia und ihre Freundin, Privatdetektivin Lena, zeigen Herz, Scharfsinn und Humor – und beweisen einmal mehr, dass Mitgefühl und Loyalität jede Krise überstrahlen können. Diese Geschichten sind kleine Wohlfühlauszeiten: warmherzig, fein erzählt und getragen von jener stillen Heiterkeit, die man an langen Winterabenden so sehr schätzt.

Sabine Schumacher besitzt die besondere Gabe, mit wenigen Worten ganze Bilderwelten entstehen zu lassen. Schon nach kurzer Zeit sieht man Kleinsonnendorf förmlich vor sich, als blättere man durch ein lebendiges Fotoalbum – jede Gasse, jedes Gesicht liebevoll und klar gezeichnet. Ihr Stil ist elegant, wortgewandt und voller feiner Zwischentöne, die beim Lesen unweigerlich ein Lächeln hervorrufen.

Fazit: Gern empfehle ich der Leserschaft das Buch weiter.

Drei Wintergeschichten voller Charme, Herz und Menschlichkeit – Erzählungen über Freundschaft, Zusammenhalt und den kleinen Zauber des Alltags. Sabine Schumacher hat mich erneut begeistert: Cozy Crime in seiner anmutigsten Form. Wer den ersten Band mochte, wird diesen lieben. Und wer neu nach Kleinsonnendorf reist, findet hier den schönsten Einstieg in eine warmherzige literarische Welt.

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)






Freitag, 24. Oktober 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Sonnen und Kometen: Erzählungen - Max Schatz



Es gibt Bücher, die nicht laut sprechen, sondern leise leuchten, so wie dieses Buch. In diesen Erzählungen fühle ich als Leserin die zwischenmenschliche Nähe und gleichzeitig Fremdheit, Licht und Schatten, und auch die feinen Risse des Menschseins. Die Figuren, meist Menschen mit russlanddeutschem Hintergrund, tragen die Spuren historischer Umbrüche in sich. Sie bewegen sich zwischen Herkunft und Ankunft, zwischen Erinnerung und Zukunft, oft am Rand der Gesellschaft und doch mitten im Leben. Nie ganz angekommen, nie ganz fort. In den Geschichten spiegelt sich das 20. Jahrhundert, in ihren Träumen das stille Ringen um Zugehörigkeit. Schatz schaut sie nicht von oben herab, sondern von innen her: mit einer Empathie, die uns Leser zu Zeugen ihrer stillen Kämpfe macht. Ihre Lebensentwürfe sind zerbrechlich, ihre Hoffnungen tastend – und gerade darin liegt ihre stille Kraft.

Sonnen und Kometen erzählt von Verlust, Hoffnung, Identität, vom zähen Ringen um einen Ort im Leben. Doch die Geschichten verweigern jede einfache Deutung. Sie sind Momentaufnahmen des Daseins, fragile Gebilde aus Schweigen, Erinnerung und Sehnsucht.

Max Schatz gelingt es, der Leserschaft im engen Raum der Kurzgeschichte Welten zu öffnen. Seine Sprache ist direkt, von Bildern getragen, die nachhallen. Mit feiner Beobachtungsgabe verdichtet er im kleinen Format der Kurzgeschichte große Themen: Verlust und Neubeginn, Identität, Fremdheit, das beharrliche Suchen nach einem Ort, den man Heimat nennen kann. Seine Prosa ist von einer klaren Wahrheit, die nichts beschönigt und doch immer einen Funken Licht bewahrt – das kleine, unbeirrbare Leuchten menschlicher Würde.

Ein Buch, das emotional bewegt und zum Nachdenken über das Menschsein anregt. Ich empfehle das Buch sehr gern weiter. Es ist eines, welches nicht einfach gelesen, sondern erlebt wird: still, berührend, nachwirkend.

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)








Mittwoch, 22. Oktober 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐Im Bann des Vaterlandes: Der Algorithmus des Widerstands - Kevin Riemer-Schadendorf



Es gibt Romane, die nicht nur erzählen, sondern warnen. Kevin Riemer-Schadendorfs Im Bann des Vaterlandes gehört zu ihnen. Der Autor formuliert keine ferne Zukunftsvision, sondern eine konsequent zu Ende gedachte Gegenwart – eine Gesellschaft, in der künstliche Intelligenz längst über Wahrheit, Meinung und Moral bestimmt. Was bleibt, ist ein bedrückend plausibles Bild der Selbstabschaffung demokratischer Werte.

Im Mittelpunkt steht Micha Rebesky, Journalist einer zunehmend gleichgeschalteten Zeitung. Er erlebt, wie KI-basierte Systeme öffentliche Debatten steuern, Texte umschreiben und Opposition unsichtbar machen. Rebeskys Entschluss, unter Pseudonym Widerstand zu leisten, wird zum Kern einer Handlung, die zwischen politischem Thriller und moralischem Gleichnis changiert. Der Autor zeigt dabei eindrucksvoll, wie Zivilcourage selbst in digitaler Dichte leise überleben kann.

Riemer-Schadendorf schreibt mit journalistischer Klarheit und literarischer Feinheit. Seine Sprache ist präzise, manchmal fast dokumentarisch, und gewinnt gerade daraus ihre poetische Tiefe. Details wie das KI-Überwachungssystem SKALV oder die stillen Akte der Revolte wirken erschreckend vertraut – so sehr, dass man das Buch kaum als reine Fiktion lesen kann. Der Roman steht in der Tradition von Orwell und Bradbury, ohne sie zu kopieren: Er übersetzt die Mechanismen der Kontrolle in das digitale Zeitalter.

Besonders stark ist Im Bann des Vaterlandes dort, wo es das Politische mit dem Persönlichen verschränkt. Micha Rebeskys Blick bleibt menschlich – zweifelnd, verletzlich, mutig. Er macht erfahrbar, wie aus technischer Überlegenheit moralische Schwäche wird, wenn Gesellschaft Verantwortung an Systeme delegiert.

Dieses Buch ist ein literarischer Weckruf. Es fordert auf, genauer hinzusehen – auf Sprache, Medien, Machtverhältnisse. Demokratie, deutet der Autor an, stirbt nicht spektakulär, sondern leise, in Routinen und Bequemlichkeit. Ein Roman, der bewegt, beunruhigt und zum Denken zwingt – hochaktuell, klug komponiert und eindringlich geschrieben.

Sehr gern empfehle ich dieses Buch der Leserschaft weiter.

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)








Montag, 13. Oktober 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐Miesepeter, Muscheln & Mord: Ein Fall für Moewe & Fish - Jörg Piesker



Salzig, schillernd, schräg – ein Lesevergnügen der besonderen Art

In „Miesepeter, Muscheln & Mord“ bin ich eingetaucht in eine charmante Ostsee-Welt, die mich sofort mit eigenwilligen Figuren und einem ganz eigenen Erzählton eingefangen hat. Was diesen Cosy Crime so besonders macht, ist das ständige Dazwischenfunken von Vadder und seinem Alpaka – kaum glaube ich, einen klaren Gedanken zu fassen, kommt schon die nächste schräge Szene und wirbelt alles durcheinander.

Die Ermittlungen rund um den Mord im Edel-Restaurant sind spannend und überraschend verschlungen. Verdächtige gibt es zuhauf, und ich habe während des Lesens mehr als einmal meinen Verdacht gewechselt – um am Ende doch völlig überrascht zu werden, wer tatsächlich hinter dem Verbrechen steckt.

Manchmal geriet die Fülle der Verwicklungen fast außer Kontrolle: Zwischen Küchenchaos, Influencer-Allüren und den absurden Nachbarn verlor ich kurz den Überblick. Doch genau diese überbordende Verspieltheit macht den Reiz des Buches aus. Es ist keine seichte Urlaubslektüre, sondern eine vergnügliche Herausforderung für Leserinnen und Leser, die Lust auf Verwirrung, Witz und skurrile Wendungen haben.

Die Figuren sind zum Schmunzeln und Staunen, der Stil ist so eigenwillig, dass ich mich immer wieder dabei ertappte, wie ich schmunzelnd oder kopfschüttelnd weiterblätterte. „Miesepeter, Muscheln & Mord“ ist eine gelungene Mischung aus Wohlfühl-Krimi und kauzigem Lokalkolorit – eine Leseerfahrung voller Überraschungen, bei der man nie so recht weiß, was als Nächstes passiert.

Unterm Strich vergebe ich vier von fünf Muscheln – aus vollem Herzen für einen Krimi, der so salzig und schillernd ist wie die Ostsee selbst,

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)








Donnerstag, 9. Oktober 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ über(s)leben Lyrikmomente & Kalligrafien - Prof. Monika Mayer-Pavlidis



„über(s)leben – Lyrikmomente & Kalligrafien“ von Prof. Monika Mayer-Pavlidis ist eine außergewöhnliche Kombination aus zeitgenössischer Lyrik und kunstvoller Kalligrafie, die den Leser auf eine tiefgehende poetische Reise mitnimmt. Mit feinfühliger Leichtigkeit verbindet die Autorin moderne, kraftvolle Gedichte mit den kunstvollen Linien von Renate Welte. Diese Symbiose aus Wort und Bild schafft eine ästhetische Erfahrung, die das Herz berührt und die Sinne anspricht.

Der Text lässt die Leser die Leichtigkeit in den Momenten ebenso spüren wie die Schwere des Seins – ein Balanceakt, der durch die harmonische Setzweise der Zeilen unterstrichen wird. Der Band beeindruckt durch seine klare Sprache, die sowohl berührt als auch zum Nachdenken anregt. Die kunstvollen Kalligrafien ergänzen die Texte perfekt und vertiefen das poetische Erlebnis, wodurch das Buch zu einem besonderen Schatz für jene wird, die das Leben in seiner ganzen Tiefe erkunden wollen.

Monika Mayer-Pavlidis gelingt es, in diesem kleinen, aber feinen Werk existenzielle Themen mit sensibler Poesie und visueller Kunst zu verbinden – eine Einladung, innezuhalten und das Leben in all seinen Facetten zu fühlen. Ein echter Schatz, der in seiner poetischen Kraft bleibt, den ich sehr gern weiter empfehle.

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)