Norbert Sternmut ist ein lyrischer Perfektionist. Seine Gedichte fordern dazu auf, tiefer in seine Denkmaterie vorzudringen. So auch sein neuestes Werk Schattensprung – 144 Seiten philosophischer Reflexion, durchzogen von gesellschaftlicher Kritik in nuancierten Versen. Es ist kein Buch, das man beiläufig liest, sondern eines, das fordert – und einlädt, über den eigenen Schatten zu springen.
In den Abschnitten „Nahaufnahme“ und „Lichteinfall“ entfaltet Sternmut eine fotografisch geschärfte Perspektive, die Abbild und Wahrnehmung kunstvoll verschränkt. Er überschreitet gesellschaftliche Grenzen und tradierte Denkmuster, kritisiert kriegerische und gewaltförmige Konfliktmodelle und entwirft stattdessen die Vision einer „Solidarität der Kreaturen“ – einer empathischen Verbundenheit von Mensch, Tier und Natur. So entsteht ein Plädoyer, das die Beckettsche Existenznot und apokalyptische Vorstellungen mit der Idee natürlicher Harmonie kontrastiert.
Zyklische Langgedichte wie „Textwuchs“ verweben Metaphern und aktuelle Bezüge zu einem dichten, assoziativen Gewebe. Alltägliche Erfahrungen verwandeln sich in poetische Bilder, die zu neuer Deutung anregen. Der Titel steht symbolisch für jenen mutigen Sprung über die eigene innere Schranke – ein Aufbruch, Gewohnheiten zu durchbrechen und ethisch neu zu denken.
Fotomotive wie „Camera Obscura“ knüpfen an frühere Werke an und laden zur Meditation über Realität und Abbild ein. Innere Reflexion und äußere Wirklichkeit halten sich hier die Waage: die Schattenseiten des modernen Lebens ebenso wie die Sehnsucht nach Verbundenheit, Sinn und Nähe. In diesen Gedichten spürt man Sternmuts sozialpädagogischen Hintergrund – klar positioniert und zugleich lyrisch verfeinert durch präzise, bildhafte Sprache.
Mit über dreißig Publikationen seit 1980 beweist der Autor seine Fähigkeit, klare Argumentation und dichte Poetizität zu verbinden. Segmentierungen innerhalb längerer Texte erleichtern den Zugang, ohne die Tiefe zu mindern. So entsteht reflektierte Lyrik, die Intellekt und Gefühl, Bildkraft und emotionale Resonanz eindrucksvoll vereint.
Schattensprung ist ein analytisch scharfes, stilistisch elegantes Werk von meditativer Empathie – in polarisierten Zeiten ein inspirierender Aufruf zu ethischem Mut. Es lädt dazu ein, über den eigenen Schatten hinauszuwachsen und im poetischen Denken neue Räume des Mitgefühls zu öffnen.
Heidelinde Penndorf
(Januar 2026)

















