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Sonntag, 2. August 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ Die Blüte der Hoffnung | Ein bewegender historischer Liebesroman aus der Zeit des Aufbruchs



Elisabeth Marienhagens Roman Blüte der Hoffnung ist weit mehr als ein historischer Liebes- und Familienroman. Er ist ein eindringliches literarisches Zeugnis darüber, wie eine menschenverachtende Ideologie schleichend in den Alltag eindringt, Beziehungen vergiftet und schließlich Leben vernichtet.

Selten hat mich ein Buch so tief berührt wie dieses. Ich habe es nicht einfach gelesen – ich habe es erlebt. Immer wieder musste ich innehalten, weil mich die Schicksale der Figuren, ihre Ängste, ihre Hoffnungen und ihre zunehmende Ausgrenzung tief erschüttert haben. Blüte der Hoffnung ist kein leichtes Buch. Es verlangt Aufmerksamkeit, Mitgefühl und die Bereitschaft, sich dem Schmerz der Geschichte auszusetzen. Gerade darin liegt seine besondere Kraft. Es ist ein Roman, der nicht nur gelesen, sondern gefühlt werden will – und dessen Botschaft lange nach der letzten Seite in Herz und Gedanken weiterlebt.

Die Autorin führt ihre Leserinnen und Leser in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg – in eine Gesellschaft zwischen Erschöpfung und Aufbruch. Die Sehnsucht nach Frieden, Sicherheit und einem Leben ohne Angst ist groß. Doch gerade diese Sehnsucht wird zur Einfallspforte für jene Kräfte, die mit einfachen Parolen, falschen Versprechen und klaren Feindbildern auftreten. Was zunächst wie ein Weg in eine bessere Zukunft erscheint, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer Diktatur, die schließlich jeden Winkel des privaten und öffentlichen Lebens durchdringt.

Besonders eindrucksvoll gelingt ihr die Darstellung dieser schleichenden Veränderung einer Gesellschaft. Nachbarn, die sich einst selbstverständlich halfen, begegnen sich plötzlich mit Misstrauen. Freundschaften zerbrechen, Familien werden auseinandergerissen, weil politische Überzeugungen wichtiger werden als Menschlichkeit. Der Nationalsozialismus erscheint in diesem Roman nicht als abstraktes politisches System, sondern als bedrückende Realität, die in Wohnzimmer eindringt, an Esstischen Platz nimmt und sich in Gesprächen, Blicken und bedrückendem Schweigen bemerkbar macht. Hass entsteht nicht von heute auf morgen. Er wächst langsam – genährt durch Angst, Propaganda und die schleichende Gewöhnung an Unrecht.

Ein zentrales Motiv bildet die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933. Elisabeth Marienhagen erinnert eindrucksvoll daran, dass damals nicht nur Bücher verbrannten, sondern Gedanken, Meinungsfreiheit und geistige Freiheit. Besonders bewegend ist die Erinnerung an Erich Kästner, der miterleben musste, wie seine eigenen Werke in Berlin den Flammen übergeben wurden. Diese Szene steht sinnbildlich für den Beginn einer Entwicklung, die weit über die Zerstörung von Literatur hinausging. Wer Bücher verbrennt, bereitet den Boden dafür, irgendwann auch Menschen ihre Würde, ihre Freiheit und schließlich ihr Leben zu nehmen.

Der Roman zeichnet eindringlich nach, wie aus politischer Verfolgung Schritt für Schritt ein System organisierter Gewalt entsteht. Früh entstehen provisorische Konzentrationslager – zunächst für politische Gegner und Regimekritiker, später auch für jüdische Bürgerinnen und Bürger. Selbst Menschen, die ihren jüdischen Freunden beistehen oder ihnen helfen, geraten ins Visier des Regimes. Angst wird zum ständigen Begleiter des Alltags.

Im Mittelpunkt stehen jedoch immer die Menschen. Die Liebesgeschichte zwischen Heiner und Esther ist weit mehr als eine bewegende Beziehung. Sie stellt die schmerzliche Frage, wie Liebe bestehen kann, wenn Herkunft, Religion und die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten über den Wert eines Menschen entscheiden sollen. Wo Vertrauen wachsen könnte, werden Misstrauen und Denunziation gesät. Jüdische Familien verlieren nach und nach ihre Sicherheit, ihre Heimat und schließlich ihre Existenz. Elisabeth Marienhagen erzählt diese Schicksale mit großer Sensibilität und beeindruckender Zurückhaltung. Gerade weil sie auf übertriebene Dramatik verzichtet, treffen ihre Worte umso tiefer.

Besonders erschütternd ist der Blick auf die Kinder. Jüdische Schülerinnen und Schüler werden zunehmend ausgegrenzt, gedemütigt und ihrer Zukunft beraubt, während andere Kinder in Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel systematisch im Sinne des Regimes erzogen werden. Was nach Gemeinschaft aussieht, entpuppt sich als gezielte Indoktrination einer ganzen Generation. Kinder lernen, Menschen nach ihrer Herkunft zu beurteilen, lange bevor sie gelernt haben, ihnen mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Eltern müssen hilflos zusehen, wie ihre eigenen Kinder von einer Ideologie vereinnahmt werden, die Hass über Menschlichkeit stellt.

Gerade diese Kapitel haben mich besonders bewegt. Beim Lesen dachte ich immer wieder nicht nur an die Vergangenheit, sondern auch an unsere Gegenwart. Daran, wie wichtig es ist, Kindern Mitgefühl, Respekt und demokratische Werte vorzuleben. Daran, wie schnell Vorurteile wachsen können, wenn Menschen beginnen, andere nach Herkunft, Religion oder Weltanschauung einzuteilen. Dieses Buch ist deshalb nicht nur historische Literatur – es ist ein eindringlicher Weckruf.

Und dennoch bleibt der Roman nicht im Dunkel stehen. Er erzählt auch von Mut, von Menschlichkeit und von der Kraft der Hoffnung. Von Menschen, die trotz persönlicher Gefahr zu ihren Überzeugungen stehen. Von Familien, die füreinander einstehen. Von Freunden, die ihre Loyalität nicht aufgeben. Von Nachbarn, die jüdischen Mitmenschen helfen und dafür ihr eigenes Leben riskieren. Gerade diese leisen Gesten berühren besonders tief. Sie zeigen, dass Menschlichkeit selbst unter den dunkelsten Bedingungen nicht völlig ausgelöscht werden kann. In ihnen liegt die eigentliche „Blüte der Hoffnung“, die dem Roman seinen Titel und seine stille Leuchtkraft verleiht.

Sprachlich überzeugt Elisabeth Marienhagen mit einer ruhigen, atmosphärisch dichten Erzählweise. Die historische Recherche ist hervorragend und fügt sich selbstverständlich in die Handlung ein. Nichts wirkt belehrend oder aufgesetzt. Stattdessen entsteht das Gefühl, selbst Teil dieser Zeit zu sein, mit den Figuren zu hoffen, zu bangen und zu leiden. Genau darin liegt die große Stärke dieses Romans: Er schafft Nähe. Man liest ihn nicht aus sicherer Distanz – man erlebt ihn.

Für mich hat dieses Buch aber noch eine tiefere Bedeutung. Es hat mir einmal mehr bewusst gemacht, warum Literatur unverzichtbar ist – gerade in unserer heutigen Zeit. Literatur bewahrt Erinnerungen, wenn Menschen beginnen zu vergessen. Sie macht Zusammenhänge sichtbar, wo einfache Parolen die Wirklichkeit verkürzen. Sie gibt jenen eine Stimme, die zum Schweigen gebracht wurden, und sie lässt uns das Leid anderer nicht nur verstehen, sondern mitfühlen. Kein Geschichtsbuch, keine Statistik und keine politische Rede vermag das auf dieselbe Weise. Gute Literatur öffnet unser Herz, bevor sie unseren Verstand erreicht.

Deshalb ist Blüte der Hoffnung für mich kein Roman, den man einfach zur Unterhaltung liest. Es ist ein Buch, das aufrüttelt, das Fragen stellt und den Leser nicht unberührt entlässt. Manche Bücher schenken Trost. Andere schenken Erkenntnis. Dieses Buch schenkt beides – und zugleich die Verantwortung, nicht wegzusehen.

Was Blüte der Hoffnung darüber hinaus so bedeutsam macht, ist seine bedrückende Aktualität. Wir leben in einer Zeit, in der demokratische Werte wieder offen infrage gestellt werden, in der Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Überzeugungen ausgegrenzt werden und Sprache zunehmend verroht. Geschichte wiederholt sich niemals eins zu eins – aber ihre Warnzeichen ähneln sich erschreckend. Ausgrenzung beginnt nicht mit Pogromen oder Konzentrationslagern. Sie beginnt mit Worten. Mit Vorurteilen. Mit Hassbotschaften. Mit dem bewussten Gegeneinanderausspielen von Menschen. Und sie beginnt dort, wo zu viele schweigen.

Dieses Buch hat mich tief bewegt. Es hat mich traurig gemacht, nachdenklich und manchmal auch sprachlos. Gerade deshalb halte ich es für so wichtig. Es erinnert uns daran, dass Demokratie, Freiheit und Menschenwürde niemals selbstverständlich sind. Sie müssen jeden Tag neu geschützt und gelebt werden.

Blüte der Hoffnung ist Erinnerung und Mahnung zugleich – ein eindringliches Plädoyer für Menschlichkeit, Mitgefühl und Zivilcourage. Es zeigt auf erschütternde Weise, wohin Gleichgültigkeit, Hass und Ausgrenzung führen können, macht aber zugleich deutlich, welche Kraft in Mitgefühl, Solidarität und Hoffnung liegt.

Gerade in einer Zeit, in der laute Stimmen einfache Antworten versprechen, Geschichte relativiert wird und Menschen wieder gegeneinander ausgespielt werden, braucht es Bücher wie Blüte der Hoffnung. Bücher, die nicht urteilen, sondern erinnern. Die nicht spalten, sondern Mitgefühl wachsen lassen. Denn Literatur kann die Vergangenheit nicht ändern – aber sie kann unser Herz für die Gegenwart öffnen und unsere Verantwortung für die Zukunft stärken.

Für mich ist dieser Roman ein außergewöhnliches Werk. Kein leichtes Buch – aber eines, das gerade heute gelesen werden sollte. Es geht unter die Haut, rüttelt auf und bleibt lange in Herz und Gedanken. Es erinnert uns daran, dass Geschichte nicht nur Vergangenheit ist, sondern Verantwortung für unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Das Buch hat meine uneingeschränkte Leseempfehlung

Heidelinde Penndorf

(August 2026)









Samstag, 1. August 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ warmes Licht - lichte Wärme: Haiku verstehen - Elena Abendroth & Georg Seibt



In einer Zeit voller Lärm und Eile wirkt dieses Buch wie ein leiser Gegenentwurf: Warmes Licht – lichte Wärme schenkt Momente der Stille und erinnert daran, wie viel Weisheit und Schönheit im Einfachen liegen können.

Bereits das Cover, das von Georg Seibt gestaltete Titelfoto und der poetische Titel strahlen eine wohltuende Ruhe aus. Elena Abendroth und Georg Seibt laden ihre Leserschaft zu einer Reise ein, die den Zauber des Augenblicks mit achtsamer Sensibilität verbindet. Dieses Buch ist ein stiller Zufluchtsort für die Seele – ein Ort des Innehaltens inmitten einer oft rastlosen Welt. Im Mittelpunkt steht die traditionsreiche Kunst des Haiku – wohl die kürzeste Gedichtform der Welt. Mit 42 sorgfältig ausgewählten Haiku spannt Elena Abendroth einen eindrucksvollen Lebensbogen und führt durch die verschiedenen Phasen und Gefühlswelten des menschlichen Daseins: vom hellen, unbeschwerten Licht des Anfangs bis hin zur stillen Akzeptanz des Endes.

Dabei knüpft sie spürbar an die Philosophie buddhistischer Achtsamkeit an. Ihr philosophischer und psychologischer Hintergrund klingt in jedem Vers an, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Flüchtige Augenblicke des Alltags werden mit großer Präzision eingefangen und verdichten sich zu Bildern, die lange nachwirken. Oft genügt ein einziges Detail, um eine Atmosphäre entstehen zu lassen, die berührt und den Blick für das Wesentliche öffnet.

Besonders gelungen ist der Aufbau des Buches, denn es geht weit über eine reine Gedichtsammlung hinaus. Der Zusatz „Haiku verstehen“ wird hier mit Leben gefüllt. Wie bei einer behutsamen Führung durch eine Kunstgalerie begleiten einfühlsame Erläuterungen und Interpretationen die Lesenden. Sie eröffnen neue Sichtweisen und erschließen weitere Bedeutungsebenen, ohne den Zauber der Verse zu erklären oder ihre Offenheit einzuschränken. Gerade darin liegt die Stärke dieses Buches: Es lädt zum eigenen Entdecken ein. Zugleich zeigt es auf unaufdringliche Weise, wie sich Achtsamkeit, Wärme und Entschleunigung in den Alltag integrieren lassen. Nicht belehrend, sondern inspirierend erinnert es daran, dass das Wesentliche oft im Unscheinbaren verborgen liegt.

Warmes Licht – lichte Wärme ist ein zutiefst gehaltvolles und wohltuendes Buch. Es zelebriert die Kunst des Weglassens und macht gerade dadurch sichtbar, wie viel Kraft in wenigen Worten liegen kann. In einer Zeit, in der vieles laut, schnell und flüchtig geworden ist, wirkt dieses Buch wie ein warmes Licht, das lange in der Seele nachleuchtet.

Gern empfehle ich diesen wundervollen Lyrikband weiter. Er ist ein echtes Herzensbuch – eines, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte, um innezuhalten, durchzuatmen und sich daran erinnern zu lassen, dass manchmal drei Zeilen genügen, um eine ganze Welt zu eröffnen.

Heidelinde Penndorf

(August 2026)










Montag, 20. Juli 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Die Schuldigen: Reality Check - Ava J. Thompson



Ein gnadenloser, hochemotionaler Wendepunkt, der unter die Haut geht

Mit „Reality Check“ erreicht Ava J. Thompsons vielschichtige Mafia-Reihe eine neue Intensität. Was zuvor von moralischen Grauzonen geprägt war, kippt nun in eine Realität, die keine Ausweichmöglichkeiten mehr zulässt. Der Titel ist weit mehr als nur ein Versprechen: Er markiert einen schmerzhaften Bruchpunkt, an dem Illusionen zerfallen und Entscheidungen unwiderrufliche Konsequenzen fordern.

Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu. Luigi Di Stefano ist derjenige, der versucht hat, die Familie Duarte auszulöschen und ihre Macht endgültig zu brechen. Gefangen im zerstörerischen Einfluss seines Vaters und getrieben von innerer Zerrissenheit, wird er selbst zum Sinnbild eines eskalierenden psychologischen Abgrunds. Gleichzeitig stehen die Duartes vor den Trümmern ihrer Existenz. Ihre Mitarbeitersiedlung ist zerstört. Ein Wiederaufbau unter höchsten Sicherheitsstandards soll nun den verzweifelten Versuch darstellen, die Kontrolle über eine zunehmend entgleitende Welt zurückzugewinnen. Die gesamte Familie gerät dabei an ihre Grenzen. Matteo und Howard sehen sich mit eigenen Belastungen konfrontiert, während das persönliche Glück der Familie Stück für Stück zerbricht. Es ist eine zermürbende, von Verlust und Angst geprägte Zeit, in der selbst engste Bindungen auf eine harte Probe gestellt werden.

Ava J. Thompson gelingt es eindrucksvoll, diese emotionale Ausnahmesituation greifbar zu machen. Besonders Luigis innere Kämpfe, seine Sucht und seine Momente absoluter Hilflosigkeit sind so intensiv gezeichnet, dass sie den Leser unmittelbar erfassen. Die Atmosphäre ist düster, dicht und kompromisslos – nichts wird beschönigt. Die Bedrohung liegt in jeder Szene spürbar in der Luft. Und doch liegt die wahre Stärke dieses Bandes nicht allein in seiner Härte, sondern in seiner tiefen Menschlichkeit. Im Zentrum stehen fragile Bindungen sowie der verzweifelte Wunsch nach Schutz, Halt und einem Ausweg aus einem Albtraum, der immer realer wird.

Fazit:
„Reality Check“ war für mich kein leichtes Buch, sondern ein emotional fordernder und zugleich beeindruckender Meilenstein der Reihe. Da ich tiefgründige Charaktere und intensive Familiendynamiken sehr schätze, habe ich dieses Buch nicht nur gelesen, sondern von der ersten bis zur letzten Seite regelrecht durchlebt.

Heidelinde Penndorf

(Juli 2026)







Montag, 29. Juni 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Der Bonbon-Mord zu Köln - Eva- Maria Silber & Kirsten Wilczek



Mit „Der Bonbon-Mord zu Köln“ legen Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek den fesselnden zweiten Band ihrer historischen Kriminalreihe vor. Auch in dieser Fortsetzung spürt man sofort, wie viel intensive Recherche und sorgfältige Detailarbeit in jeder Szene steckt. Das historische Köln des Jahres 1848 wird eindrucksvoll lebendig geschildert – eine Zeit des Umbruchs, in der die sozialen Gegensätze zwischen Arm und Reich deutlich hervortreten.

Im Zentrum der Handlung steht eine ebenso elegante wie rätselhafte Frau, die als Giftmischerin auftritt und mit erschreckender Raffinesse versucht, die Gerichtsbarkeit zu täuschen, um der Guillotine zu entgehen. Der Fall selbst hat mich sofort gepackt: Mit Strychnin versetzte Schokoladenbonbons sorgen für Angst und Schrecken in der Stadt. Besonders tragisch ist das Schicksal eines kleinen Jungen, der durch das Gift stirbt, während andere Betroffene zwar schwer erkranken, sich aber glücklicherweise wieder erholen.

Besonders eindrucksvoll fand ich die Darstellung der Gerichtsverhandlungen. Die Verteidiger Bas Sello und Dr. Venedey müssen ihr ganzes Können aufbieten, um ihre Mandantin zu retten. Dabei wird nicht nur Spannung erzeugt, sondern auch eine für die damalige Zeit erstaunlich moderne Frage verhandelt: die der Schuldfähigkeit. Es entbrennt ein psychologisches deliziöses Verwirrspiel welches inhaltlich kaum zu überbieten ist und zu einer ziemlich überraschenden Wende führt.

Eingebettet ist diese Kriminalhandlung in den faszinierenden historischen Hintergrund eines Deutschlands, das noch vom französischen Recht geprägt ist. Besonders spannend fand ich hierbei die Schilderung der ersten politischen Versammlungen und die Rolle Karl Marx', der für viele Menschen als Hoffnungsträger erscheint. Vor allem während einer Zusammenkunft bei einem gemeinsamen Essen habe ich ihn als erstaunlich impulsiv erlebt – fast greifbar in seiner Leidenschaft und Unruhe.

Was diesen Roman für mich besonders auszeichnet, ist seine ungeschönte und dichte Atmosphäre. Das Buch führt dem Leser schonungslos die immense Armut vor Augen, die damals in der Stadt herrschte, und beleuchtet die tiefen Gräben zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Auch die unzureichenden, oft katastrophalen hygienischen Bedingungen der damaligen Zeit werden eindringlich greifbar. Die Kulisse des noch unvollendeten Doms und das geschäftige Treiben der Stadt werden durch das stimmig eingebundene Kölsch authentisch untermalt, ohne den Lesefluss zu stören. Gleichzeitig sorgen kleine, fein gesetzte humorvolle Szenen für angenehme Auflockerung.

Fazit:
Für mich ist dieses Buch kein Krimi, den man nebenbei liest. Ich habe jede Seite bewusst genossen – und am Ende blieb nicht nur die Spannung nach dem letzten Kapitel, sondern auch das Gefühl, ein Stück dieser unruhigen, widersprüchlichen Zeit mitgenommen zu haben, das noch lange nachhallt. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für Fans anspruchsvoller historischer Romane!

Heidelinde Penndorf

(Juni 2026)








Dienstag, 16. Juni 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Unordentliche Verhältnisse - Familiengeheimnisse - Teil I - Ilka Roth (alias Fiona Limar)


 „Ein historisches Highlight, das tief berührt!“

Mit Unordentliche Verhältnisse hat mich Fiona Limar, die hier unter dem Pseudonym Ilka Roth schreibt, auf eine Weise überrascht, die ich nicht erwartet hätte. Obwohl ich historischen Romanen meist mit einer gewissen Zurückhaltung begegne, war ich schon nach wenigen Seiten in dieser dichten und atmosphärisch fein gezeichneten Geschichte angekommen. Es ist einer jener seltenen Romane, die nicht nur mein Interesse wecken, sondern mich emotional ganz in ihren Bann ziehen.

Im Mittelpunkt steht Ilse, eine junge Frau in den Zwanzigerjahren, die sich aus engen und belastenden Verhältnissen heraus ihren eigenen Weg zu erkämpfen versucht. Besonders berührt hat mich die Verbindung von Verletzlichkeit und innerer Stärke, die diese Figur auszeichnet. Während der Lektüre verspürte ich immer wieder den Wunsch, sie zu schützen, ihr Mut zuzusprechen oder ihr beizustehen. Gerade darin liegt für mich eine große Stärke des Romans: Er erzählt nicht bloß von einem Schicksal, sondern ermöglicht es, dieses Schicksal mitzuerleben.

Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie die Autorin historische Atmosphäre, soziale Enge und psychologische Spannung miteinander verknüpft. Das Dorf, in dem Ilse lebt, bleibt nicht bloß Kulisse, sondern wird zu einem Ort des Verschweigens, der Begrenzung und der latenten Bedrohung. Gleichzeitig eröffnet der Roman einen authentischen Blick auf die Lebenswirklichkeit junger Frauen jener Zeit, deren Wünsche und Hoffnungen häufig an gesellschaftlichen Erwartungen und familiären Machtstrukturen scheiterten. Dass diese historische Wirklichkeit nie belehrend wirkt, sondern organisch in die Handlung eingebunden ist, empfand ich als besonders gelungen.

Auch die Nebenfiguren tragen wesentlich zur Wirkung der Geschichte bei. Sie bleiben nicht bloße Statisten, sondern prägen mit ihren Widersprüchen und Eigenheiten das Gefüge des Romans. Zwischen Härte und Fürsorge, Schweigen und Anteilnahme entsteht ein vielschichtiges Beziehungsnetz, das der Erzählung zusätzliche Tiefe verleiht. Dabei wird stets spürbar, dass hier mit erzählerischer Sicherheit und einem feinen Gespür für Zwischentöne geschrieben wurde.

Für mich war Unordentliche Verhältnisse weit mehr als eine unterhaltsame Lektüre. Der Roman hat mich bewegt, nachdenklich gemacht und lange über die letzte Seite hinaus begleitet. Er verbindet historische Glaubwürdigkeit mit emotionaler Nähe und einer starken Hauptfigur zu einer Geschichte, die nachwirkt. Eine intensive, kluge und atmosphärisch dichte Erzählung, die ich sehr gern gelesen habe.

Heidelinde Penndorf

(Juni 2026)

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Montag, 15. Juni 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Bahnfahrt nach Emden, Sturmtief und andere Turbulenzen - Dietmar Cuntz



Der Autor Dietmar Cuntz überrascht seine Leserinnen und Leser mit sieben Kurzgeschichten, in denen kleine Menschengruppen in den unterschiedlichsten Alltagssituationen aufeinandertreffen. Ob in einem steckengebliebenen Aufzug, während eines Kochkurses, auf einer Wanderung oder bei anderen zufälligen Begegnungen – stets stehen die zwischenmenschlichen Beziehungen und ihre feinen, oft leisen Dynamiken im Mittelpunkt.

Die Geschichten zeigen ein vielschichtiges und interessantes Bild menschlicher Begegnungen. Unterschiedliche Charaktere, Temperamente und Lebenswege treffen aufeinander und formen vertraute Gruppenkonstellationen: Einige übernehmen die Führung, andere bleiben eher im Hintergrund, wieder andere versuchen zu vermitteln. Besonders berührt haben mich jene Figuren, die sich in solchen Situationen unsicher fühlen oder ihren Platz erst suchen müssen. Gerade darin liegt für mich eine große Authentizität, denn vieles davon wirkt nah am eigenen Erleben. Es wird spürbar, wie wichtig jede einzelne Stimme ist – auch die leisen.

Die stark dialogorientierte Erzählweise verleiht den Geschichten einen beinahe szenischen Charakter. Vieles entfaltet sich im gesprochenen Wort, direkt und unverstellt. Beim Hören hatte ich immer wieder das Gefühl, mitten im Geschehen zu stehen. Besonders die Geschichte „Versöhnung“ ist mir im Gedächtnis geblieben, weil sie aus einer alltäglichen Situation heraus eine unerwartete Tiefe entwickelt. Andere Episoden, wie „Kochkurs“, leben von ihren lebendigen Figuren und ihrem Zusammenspiel. Wie so oft bei Kurzgeschichten haben mich manche stärker angesprochen als andere – einige hallen nach, andere ziehen eher still vorüber.

Das Hörbuch selbst ist sehr gelungen umgesetzt. Die unterschiedlichen Charaktere werden lebendig und klar unterscheidbar gesprochen. Auch wenn ich persönlich dem Lesen den Vorzug gebe, war es eine interessante und bereichernde Erfahrung, mich auf diese Form einzulassen. Beim Hören dieser Kurzgeschichten fühlte ich mich immer wieder wie eine stille Beobachterin mitten im Geschehen – nah an den Menschen, ihren Stimmen und den oft feinen Zwischentönen ihrer Begegnungen. Insgesamt habe ich das Werk als abwechslungsreich und anregend empfunden. Es unterhält nicht nur, sondern lädt auch dazu ein, über das eigene Verhalten in Gemeinschaften nachzudenken – über Nähe, Distanz und das feine Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen.

Heidelinde Penndorf

(Juni 2026)







Sonntag, 7. Juni 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Was wir einander schuldig sind - Wilma Borghoff



Mit „Was wir einander schuldig sind“ hat Wilma Borghoff einen einfühlsamen Familienroman vorgelegt, der mich mitten ins Herz getroffen hat. Die Autorin erzählt von Verlust, Verantwortung und der manchmal leisen, aber unglaublich wichtigen Kraft von Zuwendung. Schon der erste Satz hat mich sofort in die Geschichte hineingezogen: Ein Anruf, eine erschütternde Nachricht – und das Leben einer Familie steht plötzlich Kopf.

Besonders packend ist die enorme emotionale Dynamik, die Borghoff aufbaut. Die sterbenskranke Jessica konfrontiert ihren Vater Jarik und dessen Frau Elvira mit einer Entscheidung, die keine Zeit mehr lässt und ein gewaltiges Ausmaß an Veränderungen mit sich bringt. Sehr berührt hat mich, wie die schwierige Begegnung zwischen Jarik, Elvira und der kleinen Talea erzählt wird. Die Unsicherheit, das Schweigen, die Abwehr und die Überforderung auf beiden Seiten waren beim Lesen förmlich spürbar.

Und doch zeigt der Roman, dass Familie mehr ist als nur ein Wort oder ein gemeinsames Zuhause. Familie bedeutet vor allem Haltung, Geduld, Verständnis, Liebe und den Willen, füreinander da zu sein. Diese Annäherungsprozesse spiegeln sich sogar geografisch wider: Der reizvolle Kontrast zwischen der rauen nordischen Weite Frieslands und dem rheinischen Alltag von Jarik und Elvira im Raum Köln hat mir besonders gefallen. Die Figuren tragen den Roman mit all ihren Ecken und Kanten. Elvira ist klug, praktisch und zugleich herzlich. Jarik kämpft mit seinen zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten, und Talea, das sturköpfige Mädchen, habe ich trotz – oder gerade wegen – ihrer Widerborstigkeit sofort ins Herz geschlossen. Auch die bereits bestehende Großfamilie von Jarik und Elvira fügt sich stimmig in die Geschichte ein.

Ein fast poetisches Element ist der immer wiederkehrende Grünspecht. Er verleiht der Handlung etwas Sanftes und Symbolisches und bleibt lange im Gedächtnis. Zusammen mit den feinen Alltagsbeobachtungen macht er den Roman zu einer ruhigen, aber tief bewegenden Lektüre. Für mich ist dies ein intensiver Roman, der lange nachwirkt. Als ich das Buch zuklappte, dachte ich tatsächlich: Davon dürfte es gerne noch einen zweiten Teil geben.

Eine Geschichte über Schmerz, Abschied und Neubeginn – erzählt mit viel Gefühl und Menschlichkeit. Und sie zeigt, wie viel wir einander wirklich schuldig sind: Mitgefühl, Aufmerksamkeit, Offenheit und Liebe. Eine absolute Leseempfehlung für alle, die berührende Familiengeschichten mit viel Herz, Tiefgang und authentischen Figuren mögen.

Heidelinde Penndorf

(Juni 2026)








Donnerstag, 28. Mai 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Mit eigenen Händen: Unser Hausbau in der DDR - Matthias Härtel



Mit eigenen Händen ... ist ein kleines Buch von großer Wärme. Es erzählt nicht einfach vom Bau eines Hauses, sondern vom Bau eines Lebens: mit Schweiß, Einfallsreichtum, Familienkraft und jenem trotzig-zuversichtlichen Willen, aus wenig etwas Bleibendes zu schaffen.

Zwischen Beton, Brettern und alten Erinnerungen leuchtet immer wieder das Menschliche auf. Da ist der Vater als kraftvolle, beinahe mythische Gestalt, die Mutter als stille, unermüdliche Hüterin des Ganzen — und beide zusammen bilden das Herz einer Geschichte, die zugleich privat und zeitgeschichtlich ist.

Besonders schön ist der Ton des Buches: liebevoll, manchmal augenzwinkernd, immer nah am Leben. Die vielen kleinen Szenen und Erinnerungen machen daraus kein bloßes Dokument, sondern ein lebendiges Stück gelebter Vergangenheit.

So entsteht ein feines Zeitbild voller Wärme, Stolz und Dankbarkeit. Ein Buch, das nicht laut sein muss, um zu berühren — weil es von Menschen erzählt, die ihr Leben mit den eigenen Händen getragen haben. Sehr gern empfehle ich das Buch der Leserschaft weiter.

Heidelinde Penndorf

(Mai 2026)







Dienstag, 19. Mai 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Mischa - Liebe ist universell - Valerie le Fiery & Frank Böhm



In ihrem Roman „Mischa – Liebe ist universell“ nimmt uns das Autorenduo Valerie le Fiery und Frank Böhm mit in ein kleines bayerisches Dorf, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Es wirkt ein wenig wie damals bei meinen Großeltern – geprägt von Tradition, Arbeit und unausgesprochenen Erwartungen.

Der zwanzigjährige Mischa steht vor einer Zukunft, die andere längst für ihn geplant haben: Nach alter Tradition soll er den elterlichen Bauernhof übernehmen. Doch hinter dieser Fassade aus Pflicht und Gewohnheit brodelt ein innerer Konflikt.

Es ist die Geschichte eines jungen Mannes, der den Mut aufbringt, aus einem vorgezeichneten Leben auszubrechen, um Antworten auf die Fragen nach seiner eigenen Identität und seiner Liebe zu finden.

Schon nach wenigen Seiten stellte sich dieses leise, eindringliche Gefühl ein, Mischa nicht nur zu begleiten, sondern ihn zu kennen. Seine Gedanken tasten sich vorsichtig durch Zweifel und Sehnsucht, seine Unsicherheit legt sich wie ein feiner Schatten über jede Entscheidung. Zwischen Pflicht und innerem Verlangen gefangen, wirkt sein Ringen so wahrhaftig, dass es sich beim Lesen beinahe wie ein eigenes Erinnern anfühlt. Dabei wird auch ein Generationenkonflikt spürbar, der sich durch viele leise, aber gewichtige Momente zieht.

Die Enge des Dorfes liegt schwer auf seiner Seele – sie zeigt sich in Blicken, in unausgesprochenen Erwartungen und im Schweigen der Familie. Und doch durchzieht alles eine stille, fast zerbrechliche Sehnsucht: nach Freiheit, nach Liebe, nach einem Leben, das nicht länger verborgen bleiben muss.

Besonders berührend ist die behutsame, fast zärtliche Annäherung an das Thema Selbstfindung. Mischa kämpft nicht laut, sondern in sich hinein – gegen Zweifel, gegen Angst, gegen das Bild, das andere von ihm haben. Gerade diese leisen inneren Bewegungen, dieses fragile Schwanken zwischen Hoffnung und Verlorenheit, verleihen der Geschichte eine Tiefe, die lange nachklingt.

Der Bauernhof und das Dorf sind dabei weit mehr als nur Kulisse. Sie bilden ein Geflecht aus Gerüchen, Geräuschen, Routinen und Spannungen, das den Leser umschließt. Inmitten von Arbeit, Blicken und kleinen Begegnungen wächst eine emotionale Intensität, die sich still entfaltet und nachhaltig wirkt.

Schließlich führt Mischas Weg ihn fort vom Dorf nach Köln. Dort begegnet er einer ganzen Vielfalt menschlicher Charaktere und findet auch seine Liebe. Gerade darin liegt eine wichtige Botschaft des Romans: gleichgeschlechtliche Liebe ist nichts Verpöntes, sondern etwas Natürliches, Echtes und zutiefst Menschliches. Mischa erkennt, dass er so, wie er ist, genug ist.

Dieses Buch erzählt keine einfache Liebesgeschichte. Es erzählt vom Mut, sich selbst zu begegnen – von der Zerbrechlichkeit des eigenen Ichs und von der leisen, unaufhaltsamen Kraft, es dennoch zu befreien. Ein stilles, ehrliches und zutiefst menschliches Werk.Sehr gern empfehle ich dieses Buch der Leserschaft weiter, es berührt sehr und erweitert den zwischenmenschlich-.sozialen Blickwinkel.

Heidelinde Penndorf

(Mai 2026)









Montag, 11. Mai 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Die Reben im Sturm (Die Winzerfrauen-Saga 1) - Elisabeth Marienhagen



Dieses Buch sollten besonders jene lesen, die Krieg oder Konflikte leichtfertig glorifizieren. „Reben im Sturm" führt eindringlich vor Augen, dass Krieg niemals eine Lösung ist, sondern immer Leid, Zerstörung und langfristige Folgen für ganze Generationen mit sich bringt. Der Erste Weltkrieg war nicht nur ein europäischer Konflikt – die Kolonialmächte mit ihren globalen Rivalitäten um Rohstoffe, Märkte und Territorien in Afrika, Asien und anderswo bildeten den tiefen Ursprung dieses Weltenbrandes.

„Reben im Sturm" von Elisabeth Marienhagen ist ein packender historischer Liebesroman und zugleich der Auftakt einer Saga, der die Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs eindringlich einfängt. Im Mittelpunkt steht die junge Magdalena Scholtes, die in einer Winzerfamilie an der Mosel aufwächst und zwischen Alltagsrealität, ersten Liebesgefühlen und den Schrecken des Krieges ihren Weg finden muss. Ohne zu spoilern: Der Roman zeichnet ein nuanciertes Bild von Hoffnung, Verlust und unerschütterlicher Lebenslust inmitten tiefgreifender historischer Umbrüche.

Besonders eindrucksvoll ist, wie der Erste Weltkrieg alle Figuren trifft – von einfachen Winzern bis hin zu ihren Nachbarn. Der Konflikt zerstört Existenzen, reißt Familien auseinander und zwingt vor allem die Frauen im Dorf dazu, neben ihrem ohnehin harten Alltag plötzlich auch die schwere körperliche Arbeit der Männer zu übernehmen. Diese Darstellung verleiht der Geschichte eine zusätzliche Tiefe und macht die Belastungen dieser Zeit greifbar. Ebenso erschütternd sind die Schilderungen der menschlichen Schicksale, die von Armut, Verlust und Krankheit geprägt sind. Nicht nur der Krieg selbst fordert Opfer, sondern auch seine Folgen: Verwundete und traumatisierte Soldaten, Amputationen sowie die Ausbreitung von Krankheiten wie der Spanischen Grippe, die sowohl an der Front als auch in der Heimat zahlreiche Menschenleben fordert.

Das zwischenmenschliche Miteinander wird dabei realistisch und vielschichtig dargestellt – mit all seinen Facetten wie Neid, Solidarität und Gier. Der Roman zeigt eindrucksvoll, dass sich an diesen grundlegenden menschlichen Eigenschaften bis heute wenig geändert hat.

Eine zentrale Botschaft des Buches ist die bittere Erkenntnis, dass vor allem die Wohlhabenden von solchen Krisenzeiten profitieren, während die einfachen Menschen die Hauptlast tragen. Diese Parallelen zur Gegenwart verleihen der Geschichte zusätzliche Relevanz und regen zum Nachdenken an.

Insgesamt ein emotionaler und atmosphärisch dichter Auftakt einer Saga, der unter die Haut geht und lange nachwirkt – eine klare Empfehlung für alle, die historische Geschichten mit Tiefgang schätzen.

Heidelinde Penndorf

(Mai 2026)










Freitag, 8. Mai 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Handkäs Masala: Krimi- Robert Maier



IT-Rentner Olaf kann es nicht lassen, den Privatdetektiv zu geben – diesmal allerdings ohne sein selbst programmiertes Handy-Virus. Fast ein wenig schade.

In seiner Wohnung wird es zunehmend eng: Sohn, Schwiegertochter und das Enkelbaby ziehen mangels bezahlbaren Wohnraums mit ein. Da kommt es ihm gerade recht, dass ein Freund für ein Jahr ins Ausland geht und ihm sein kleines Haus in einer Wohnsiedlung überlässt. Doch auch dort währt die Ruhe nicht lange – im Zuge der Ermittlungen wird es erneut beengt und unerwartet turbulent. Unterstützt wird Olaf von zwei Assistentinnen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Gerade diese Gegensätze sorgen für überraschende Wendungen und so manche vertrackte Entwicklung.

Robert Maier gelingt erneut ein fesselnder, lebendiger und zugleich humorvoller Krimi. Mit feinem Gespür verwebt er Spannung, gesellschaftliche Beobachtungen, zwischenmenschliche Eigenheiten und aktuelle Themen zu einer dichten, stimmigen Erzählung.

Im Zentrum steht ein brisanter Mordfall mit weitreichendem Dominoeffekt. Olaf und seine beiden Assistentinnen gehen ihm mit Scharfsinn, Menschenkenntnis und beharrlicher Neugier nach – und fördern dabei mehr zutage, als zunächst zu ahnen ist. Besonders reizvoll ist das Aufeinandertreffen verschiedener Welten: hessische Bodenständigkeit begegnet indischer Lebensphilosophie, moderne Technik trifft auf menschliche Abgründe. Immer wieder zeigt sich, wie trügerisch erste Eindrücke sind und welche Wahrheiten sich hinter unscheinbaren Fassaden verbergen. Der Krimi bietet weit mehr als bloße Unterhaltung. Zwischen den Ermittlungen entfalten sich leise, nachwirkende Reflexionen über Vorurteile, soziale Ungleichheit, Migration, Alter und Einsamkeit – unaufdringlich, aber eindringlich.

Die Handlung bleibt durchweg dynamisch, getragen von feinem Wortwitz und überraschenden Wendungen. Die Figuren gewinnen rasch an Tiefe, und Seite um Seite wächst der Drang, das Geflecht der Ereignisse zu entwirren. Robert Maier zeigt einmal mehr, wie facettenreich Kriminalliteratur sein kann: spannend, augenzwinkernd, gesellschaftskritisch und zutiefst menschlich – und gerade darin liegt seine besondere Stärke. Von mir eine klare Empfehlung

Heidelinde Penndorf

(Mai 2026)








Samstag, 2. Mai 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Sehnsucht nach Sunny Grove – Kotsoteka - Charles M. Shawin



Mit „Sehnsucht nach Sunny Grove – Kotsoteka“, dem zweiten Band, entwirft Charles M. Shawin eine eindringliche Erzählung über innere Konflikte, Lebensentscheidungen und die fragile Balance zwischen Zugehörigkeit und Aufbruch. Im Zentrum steht Sara, die seit Jahren bei den Kotsoteka-Comanchen lebt und dort als „Nadua“ – die sich wohlfühlt – ihren Platz gefunden hat. Doch ich hatte beim Lesen schnell das Gefühl, dass diese Ruhe trügerisch ist: Alte Bindungen, Einsamkeit und unerfüllte Sehnsüchte holen sie immer wieder ein und stellen ihre gewählte Heimat infrage.

Besonders stark empfand ich den historischen Kontext, der die gesamte Handlung trägt. Während des 18. Jahrhunderts begann die systematische Verdrängung der indigenen Bevölkerung Nordamerikas. Reservate wurden eingerichtet – scheinbar zum Schutz, tatsächlich jedoch zur Landnahme durch weiße Siedler. Die massenhafte Bisonjagd entzog den Plains-Indianern ihre Lebensgrundlage, und ich musste beim Lesen immer wieder innehalten, weil mir die Tragweite dieser Entwicklungen so deutlich vor Augen geführt wurde. Es fiel mir nicht leicht, diese Einschnitte zu akzeptieren – zu existenziell erscheinen die Verluste an Freiheit und Lebensweise, selbst wenn man sie im historischen Zusammenhang betrachtet.

Gleichzeitig habe ich den Roman als eine vielschichtige Geschichte des Erwachsenwerdens und der Selbstfindung erlebt. Für mich stehen dabei auch die zwischenmenschlichen Beziehungen im Mittelpunkt – insbesondere die Freundschaft zweier junger Frauen, die in eine erste tiefgreifende Krise gerät. Ihr Ringen um Vertrauen, Nähe und Eigenständigkeit hat mich besonders berührt, weil es die Zerbrechlichkeit, aber auch die Stärke solcher gewachsener Verbindungen zeigt.

Auch die ersten zarten Erfahrungen von Liebe und Bindung im Prozess des Erwachsenwerdens sind fein in die Handlung eingewoben. Sie wirken nicht als klassische Liebesgeschichte, sondern vielmehr als Teil einer inneren Entwicklung, geprägt von Unsicherheiten, Hoffnungen und dem Wunsch, den eigenen Weg zu finden. Begegnungen und erneute Konfrontationen – insbesondere mit zwei Männern aus der Vergangenheit – verleihen der Handlung zusätzliche Spannung. Ich empfand diese Passagen als besonders eindringlich, weil sie zeigen, wie sehr Vergangenes in die Gegenwart hineinwirkt.

Die Figur Emma bringt für mein Empfinden eine eigene Dynamik in den Roman. Ihr Weg – vom Abschied über die Rückkehr bis hin zu einem gereiften Blick auf das Leben – steht für Veränderung und Neubeginn. Ich mochte besonders die Idee, dass mit ihr nicht nur Beziehungen neu geordnet werden, sondern auch ein Ort wie Sunny Grove wieder aufblühen kann. Gleichzeitig schwingt darin die Hoffnung mit, dass sich Wege, die getrennt schienen, doch wieder zusammenfinden.

Beim Lesen hat mich vor allem die stille, fast zurückhaltende Intensität des Romans beeindruckt. Es sind nicht die lauten Ereignisse, sondern die leisen Zwischentöne, die bei mir nachgewirkt haben. Ich hatte immer wieder das Gefühl, zwischen den Zeilen zu lesen und mich den Figuren innerlich anzunähern.

„Sehnsucht nach Sunny Grove – Kotsoteka“ ist für mich ein Roman, der weniger durch äußere Spannung als durch emotionalen Tiefgang überzeugt. Er wirkt durch seine vielschichtigen Charaktere, durch das sensible Zusammenspiel von Freundschaft und den zwischenmenschlichen Beziehungen im und durch die nachklingende Frage, wo ein Mensch wirklich zuhause ist – im Herzen, in der Erinnerung, an der Seite eines anderen, eines Ortes oder vielleicht in all dem zugleich. Sehr gern empfehle ich das Buch der Leserschaft weiter - es ist, obwohl fiktiv, ein geschichtlicher Einblick in Geschichte der indigenen Bevölkerung - der Indiander.

Heidelinde Penndorf

(Mai 2026)







Montag, 27. April 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Ein Kobold namens Gisela: Ein Jahr mit Mina und Gisela - Lina George



„Ein Kobold namens Gisela": Ein Jahr mit Mina und Gisela von Lina George, ist eine herzerwärmende Alltagsgeschichte über zwei Katzen, erzählt mit viel Humor, Zuneigung und einem Augenzwinkern. Im Mittelpunkt steht die verspielte, neugierige Mauskatze Gisela, die als kleiner Wirbelwind in das gemütliche Haus einzieht und mit ihrer sanften, schwarzen Gefährtin Mina ein Jahr voller kleiner Abenteuer erlebt. Lina George fängt die Welt aus Katzenperspektive so lebendig ein, dass man die beiden Fellnasen förmlich vor sich sieht – von frechen Streichen bis hin zu zärtlichen Momenten.

In 21 chronologisch aufgebauten Kapiteln begleitete ich die beiden durch die Jahreszeiten ihres Alltags: vom ersten Einzug und der vorsichtigen Annäherung über fröhliche Frühlingsmomente im Garten bis hin zu herbstlichen Reflexionen bei Regen und Sturm. Besonders charmant sind Szenen wie Giselas Versteck in der Waschmaschinentrommel, ihre ersten, skeptischen Schritte in den Schnee, wilde Balljagden in der Badewanne oder der listige Diebstahl von Leckerlis aus dem Schrank. Auch Minas ruhige Eleganz – etwa beim Sammeln von Federn oder ihrem ersten (missglückten) Mausfang – wird liebevoll beleuchtet. Die Beobachtungen sind so lebensnah und detailreich, dass sie Katzenhalter sofort zum Schmunzeln bringen und die Leser merken, wie sehr die Autorin, ihre Katzenmädchen liebt.

Der einfache, flüssige Schreibstil mit kurzen, rhythmischen Sätzen passt perfekt zur verspielten Perspektive und wirkt auf mich wie ein persönliches Tagebuch einer Katzenmama. Kleine Reime und Verse verleihen dem Buch einen verspielten, fast poetischen Charakter, der den Text noch einprägsamer macht.

Besonders gelungen ist die Darstellung der tiefen Bindung zwischen Gisela, Mina und ihrer Menschenmama: Momente wie das gemeinsame Kuscheln im Bett oder Giselas sanfte Pfoten streicheln zeigen eine echte Familienidylle, die viele Leser berühren wird.

Die KI-unterstützten Illustrationen ergänzen die Geschichte liebevoll – sie fangen die niedlichen Posen und den Alltagstanz der Katzen perfekt ein und verstärken die gemütliche, einladende Atmosphäre.

Insgesamt eine leichte, warmherzige Lektüre für alle Katzenfreund, die ich gern weiterempfehle. Es ist pure Entspannung mit einem Schuss Magie.

Heidelinde Penndorf
(April 2026)






Donnerstag, 16. April 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Dieses Eine Leben - Helena Baum



Es ist immer wieder ein besonderes Erlebnis, Autorinnen und Autoren persönlich zu begegnen, deren Bücher mich schon zuvor begleitet und berührt haben. Zur Leipziger Buchmesse traf ich Helena Baum – eine Begegnung, die so intensiv war wie ihre Romane selbst. 
Sie überreichte mir ihr neues Buch mit der Bitte um eine Rezension. Und was soll ich sagen: Schon nach den ersten Seiten wusste ich, dass mich diese Geschichte nicht mehr loslassen würde.

Auf 230 Seiten entfaltet sich eine bewegende Geschichte über Nähe und Distanz, Verlust und Neubeginn. Ella und Jasper – ein Paar, das an den Grenzen seiner Beziehung steht – wirken in ihrer Verletzlichkeit und Lebendigkeit so echt, dass man mit ihnen lacht, weint, zweifelt und hofft. Ich erlebte ihre Welt, als wäre ich Teil davon: Zeugin eines Gefühlschaos, das zugleich zum Weg in die eigene Tiefe führt.

Besonders eindrucksvoll schildert Helena Baum den Prozess einer Paartherapie. Der Therapeut ist dabei kein allwissender Retter, sondern ein feinfühliger Begleiter, der hilft, aufgestaute Emotionen zu lösen, alte Wunden zu benennen und den Mut zum Neubeginn zu finden. Ich hatte das Gefühl, selbst im Raum zu sitzen, Zeugin dieser inneren Klärung zu sein – zwischen Zweifel, Zärtlichkeit und der vorsichtigen Rückkehr zum Vertrauen.

Beide, Ella und Jasper, beginnen, ihre Träume neu zu leben, ihre Gedanken zu wandeln – und gerade dadurch finden sie wieder zueinander. Indem sie loslassen, was schmerzt, entsteht ein ehrlicher, reifer Neubeginn – nicht nur für ihre Liebe, sondern für ihr gesamtes familiäres Gefüge.

Helena Baum schreibt mit feinem psychologischem Gespür und einer bemerkenswerten sprachlichen Klarheit. Unverstellt zeigt sie, wie Alltag, Schweigen, unausgesprochene Sehnsüchte und die ständige Rücknahme eigener Wünsche eine Beziehung erodieren können – und doch, wie in dieser Brüchigkeit Hoffnung keimt.

Ein Roman, der nicht nur berührt, sondern zum Nachdenken über die eigene Beziehung, über Nähe, Verletzlichkeit und Stärke anregt. Tief, wahrhaftig und von stiller Intensität.

Von Herzen empfohlen für alle, die Authentizität schätzen.

Heidelinde Penndorf

(April 2026)











Mittwoch, 15. April 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Toxisch: Mein. Für immer. - Jes Schön



Mit „Toxisch – Mein. Für immer.“ legt Jes Schön einen Roman vor, der schmerzt, wütend macht und zutiefst berührt. Es ist kein Buch, das man „einfach so“ liest – es ist eines, das man aushalten muss. Und genau darin liegt seine Kraft.

Schon das erste Kapitel entfaltet eine emotionale Wucht, die kaum Raum zum Atmen lässt. Als Leser sind wir dazu verdammt, die Füße stillzuhalten: Wir können nicht eingreifen, egal welcher Brutalität die Protagonistin ausgesetzt ist. Hier wird nichts beschönigt, keine Szene mit Samthandschuhen angefasst. Die Geschichte von Emelie, gefangen in einer Ehe voller psychischer, körperlicher und sexueller Gewalt, trifft mit voller Wucht. Jes Schön schreibt direkt, schonungslos, ohne Weichzeichner – jede Zeile eine Konfrontation mit dem Unfassbaren. Alles fühlt sich erschreckend real an. Besonders eindringlich gelingt der Autorin die Darstellung von Emelies innerer Zerrissenheit: ihre Angst, ihre Anpassung, ihr Schweigen – und immer wieder ihre Entscheidung zu bleiben. Nicht aus Schwäche, sondern aus einem verzweifelten Schutzinstinkt für ihre Kinder. Dieses Bleiben ist kein Versagen, sondern Ausdruck einer Überlebensstrategie, die tief in der psychischen Logik häuslicher Gewalt wurzelt.

Die Dynamik zwischen Emelie und Gabriel ist kaum auszuhalten – gerade weil sie so authentisch wirkt. Manipulation, Kontrolle, Machtmissbrauch: Sie schleichen sich nicht ein, sie sind allgegenwärtig. Besonders erschütternd sind jene Szenen, in denen Gewalt zur Routine geworden ist. Dann tritt die Dissoziation ein – Emelie schaltet innerlich ab, steht neben sich, lässt über sich ergehen, was sie physisch nicht begreifen kann. Dieser psychische Schutzmechanismus macht das Unsagbare greifbar. Für die Lesenden entsteht eine lähmende Ohnmacht. Man kann nicht eingreifen, nur mitfühlen – und das geht an die Grenzen des Erträglichen.

Ein zweiter Handlungsstrang erweitert die Perspektive: Niels, dessen Blick von außen, dessen wachsendes Unbehagen und innerer Konflikt den Roman um eine bedeutsame Dimension ergänzen. In ihm keimt etwas, das man Hoffnung nennen möchte – oder zumindest die Sehnsucht nach einem Ausweg. Dieser Perspektivwechsel verhindert, dass die Geschichte ausschließlich in Dunkelheit versinkt, und er verleiht ihr eine emotionale wie gesellschaftliche Tiefe.

Gerade in dieser Kombination aus persönlichem Drama und gesellschaftlicher Brisanz liegt die Stärke des Romans. Häusliche Gewalt geschieht meist im Verborgenen – „Toxisch“ reißt die Türen auf. Es thematisiert die hohe Dunkelziffer, die Sprachlosigkeit, die falsche Scham, die so viele Betroffene umgibt. Und obwohl die Geschichte emotional schwer zu ertragen ist, wird sie nie voyeuristisch. Die Haltung der Autorin bleibt erkennbar empathisch, respektvoll und von der Dringlichkeit getragen, sichtbar zu machen, was sonst verborgen bleibt.

Sprachlich überzeugt Jes Schön durch Klarheit und Präzision. Die Sätze sind schnörkellos, die Dialoge klingen echt, ungekünstelt, fast dokumentarisch. Die Figuren sind vielschichtig und menschlich gezeichnet, nie zu bloßen Symbolen degradiert. Besonders die Darstellung der beiden Töchter öffnet den Blick auf die subtile Vererbung von Gewalt, auf ihre Spuren im Alltäglichen, im Blick, im Schweigen.

„Toxisch – Mein. Für immer.“ ist kein Wohlfühlroman. Er ist intensiv, verstörend, aufrüttelnd. Aber er ist wichtig – weil er hinsieht, wo andere wegsehen, weil er die Leser emotional fordert und gleichzeitig sensibilisiert.

Ein Buch, das gelesen werden sollte – mit der nötigen Achtsamkeit für die eigenen Grenzen und der Bereitschaft, sich auch dem Schmerz zu stellen und auszuhalten. (Vorsicht Triggergefahr)

Heidelinde Penndorf

(März 2026)