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Mittwoch, 9. September 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐: Nähe ist kein Zuhause – Verena Dahms



Wenn Nähe nicht mehr Geborgenheit bedeutet

Mit ihrem neuen Roman „Nähe ist kein Zuhause“ gelingt Verena Dahms ein leises, tief berührendes Buch über den schmalen Grat zwischen Anpassung und weiblicher Selbstbestimmung. Für mich ist es vor allem eine Geschichte über einen Menschen, der sich selbst fast verloren hat – und den Mut finden muss, sich wiederzufinden.

Die Geschichte beginnt im goldenen Herbstlicht von Paris. Ariane verlässt ihre vertraute, perfekt geordnete Welt, um ihrem Ehemann Laurent nach Marseille zu folgen. Was zunächst wie ein gemeinsamer Aufbruch in ein neues, vielleicht sogar aufregenderes Leben erscheint, wird zunehmend zu einer Reise nach innen. Und genau diese leise Verschiebung hat mich beim Lesen besonders berührt. Denn Ariane kommt nicht einfach in Marseille an. Sie kommt irgendwann bei sich selbst an – und der Weg dorthin ist alles andere als bequem.

Verena Dahms erzählt diese Entwicklung ohne große Gesten. Gerade darin liegt für mich die Stärke dieses Romans. Die Autorin lässt vieles zwischen den Zeilen entstehen und gibt ihren Figuren den Raum, sich selbst zu entlarven. Marseille wird dabei weit mehr als eine Kulisse. Der raue Mistral, das flirrende Licht, die Farben und Gegensätze der Stadt spiegeln Arianes innere Unruhe. Zwischen dem Alten Hafen und den engen Straßen scheint auch ihr bisheriges Leben plötzlich enger zu werden. Die Stadt fordert sie geradezu heraus, die Mauern einzureißen, hinter denen sie sich so lange eingerichtet hat.

Besonders eindrucksvoll fand ich die wechselnden Perspektiven von Ariane und Laurent. Beide werden nicht einfach in Gut und Böse eingeteilt. Wir erleben ihre Gedanken, ihre Ängste, ihre Verletzlichkeit – und erkennen, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Beziehung erleben können. Ariane hat sich über Jahre hinweg in der Rolle der eleganten Ehefrau eingerichtet. Nach außen scheint alles zu stimmen. Doch während sie versucht, den Erwartungen gerecht zu werden, verliert sie immer mehr den Kontakt zu sich selbst. Ihre Sehnsucht nach Freiheit und echter Weite habe ich als sehr berührend empfunden, gerade weil sie nicht laut daherkommt. Auch Laurent ist eine Figur, hinter deren kontrollierter Fassade sich zunehmend Risse zeigen. Sein beruflicher Ehrgeiz und sein Bedürfnis nach Kontrolle schützen ihn offenbar selbst vor Ängsten und Unsicherheiten, die er lange nicht wahrhaben wollte.

Was mir an diesem Roman besonders gefallen hat: Verena Dahms urteilt nicht vorschnell. Sie nimmt ihre Leserschaft mit, lässt sie hinschauen. Und manchmal ist genau dieses Hinschauen viel unbequemer als ein klares Urteil. Auch die kunstgeschichtlichen Bezüge haben mir gefallen. Die weichen Lichter Renoirs und die brennenden Farben Van Goghs werden zu einer zusätzlichen poetischen Ebene und verbinden die äußere Welt mit der inneren Bewegung der Figuren.

Ein Gedanke aus dem Roman ist mir dabei besonders nachgegangen: „Befreiung beginnt nicht mit einem großen Schritt, sondern mit dem Mut, stehen zu bleiben.“ Für mich steckt darin sehr viel von dem, was diesen Roman ausmacht. Manchmal beginnt Veränderung nicht damit, dass wir irgendwohin gehen, sondern damit, dass wir endlich innehalten und uns fragen, wo wir selbst geblieben sind.

„Nähe ist kein Zuhause“ ist für mich deshalb nicht einfach eine Geschichte über eine Ehe oder einen Neuanfang. Es ist eine stille Seelenreise. Eine Geschichte über Anpassung, über Abhängigkeit, über die Angst vor Veränderung – aber vor allem über den Mut, sich selbst wiederzufinden.

Und vielleicht ist genau das die Frage, die dieses Buch bei mir zurückgelassen hat: Wie viel Nähe kann ein Mensch aushalten, wenn er sich selbst darin nicht mehr spürt?

Ein leiser Roman, der nicht mit großen Worten nach Aufmerksamkeit verlangt, sondern sich langsam entfaltet – und gerade deshalb noch lange nach dem letzten Satz in mir weiterklingt.

Heidelinde Penndorf

(September 2026)







⭐neue Leseempfehlung ⭐: Herabschauender Hund: Es ist nicht, wie du denkst - Jes Schön



Es gibt Bücher, die liest man. Und dann gibt es Bücher, die sich in der Seele breitmachen, sich einnisten, einiges durcheinanderbringen, die dich nicht mehr loslassen, ob des abrupten Wechsels von zauberschön zu einem psychischen und physischen Martyrium. „Herabschauender Hund“ gehört für mich genau zu diesen Büchern, denn Die Geschichte hat mich am Ende sehr nachdenklich und aufgewühlt zurückgelassen

Ich wusste durch die Triggerwarnungen, dass mich keine leichte Geschichte erwarten würde. Trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet, wie tief mich Anna und Felix berühren würden. Das atmosphärische und isolierte Setting in den Bergen, rund um das alte, renovierungsbedürftige Forsthaus, unterstreicht Annas Einsamkeit und ihren Wunsch nach Schutz perfekt. Man spürt beim Lesen förmlich die raue Natur und die Stille, die diesen Ort umgibt und gleichzeitig Raum für die langsame Annäherung der beiden Figuren bietet. Von der ersten Seite an war spürbar, dass hinter Annas rauer und abweisender Fassade unendlich viel Schmerz steckt. Je mehr sich ihre Geschichte entfaltet hat, desto schwerer wurde mein Herz. Ich wollte sie so oft einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie all das Leid niemals verdient hat. Ihre Ängste, ihre Zweifel und ihre inneren Kämpfe wurden so authentisch beschrieben, dass ich sie in jeder einzelnen Zeile fühlen konnte.

Und dann ist da Felix ... Was für ein wundervoller Mensch. Geduldig, einfühlsam, respektvoll und voller Wärme. Er wollte Anna nie verändern oder sie retten. Er war einfach da und wirkte. Er hat ihr die Zeit gegeben, die sie brauchte, und ihr gezeigt, dass Vertrauen wachsen darf – ohne Druck und ohne Erwartungen. Genau das hat mein Herz so unglaublich berührt. Besonders gut gefallen hat mir der Wechsel zwischen den beiden Sichtweisen. Durch die wechselnden Kapitel aus Annas und Felix’ Perspektive bekam ich einen tiefen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt beider Protagonisten. Ich verstand Annas tiefsitzende Ängste genauso gut wie Felix’ Faszination und seine Geduld, mit der er versucht, ihre Mauern Stein für Stein abzubauen.

Die Autorin Jes Schön erzählt diese Geschichte mit einer unglaublichen Sensibilität. Sie beschönigt nichts und zeigt schonungslos, welche Spuren Gewalt, Missbrauch und Traumata hinterlassen können. Gleichzeitig verliert sie aber nie den Blick für das, was am Ende bleibt: Hoffnung. Hoffnung darauf, dass selbst tiefste Wunden irgendwann heilen können und dass es Menschen gibt, die einem zeigen, dass man wieder leben und lieben darf.
Ich habe beim Lesen gelächelt, gehofft, mitgefiebert und mehr als einmal mit den Tränen gekämpft. Manche Szenen haben mir regelrecht die Luft zum Atmen genommen, andere haben mein Herz Stück für Stück wieder zusammengesetzt. Genau diese Mischung aus Schmerz, Hoffnung und leisen Glücksmomenten hat dieses Buch für mich so besonders gemacht.

Sehr beeindruckt hat mich, wie authentisch die Figuren gezeichnet sind. Sie sind nicht perfekt – sie sind echt. Mit all ihren Ängsten, Fehlern und Narben. Gerade deshalb konnte ich mich ihnen so verbunden fühlen.

Für mich ist „Herabschauender Hund“ viel mehr als eine Liebesgeschichte. Es ist eine Geschichte über Vertrauen, Mut, Selbstfindung und Heilung. Darüber, dass Liebe nicht laut sein muss. Manchmal heilt sie ganz leise. Mit Geduld, Verständnis und dem Gefühl, endlich gesehen zu werden.Dieses Buch hat mich tief berührt und wird noch lange einen Platz in meinem Herzen haben. Anna und Felix werde ich so schnell nicht vergessen

Danke, liebe Jes Schön, für diese wunderschöne, schmerzhafte und gleichzeitig hoffnungsvolle Geschichte. Sie hat mich emotional vollkommen abgeholt und mir gezeigt, dass selbst nach der dunkelsten Nacht irgendwann wieder Licht erscheinen kann. Von mir gibt es eine absolute Herzens- und Leseempfehlung.

Heidelinde Penndorf

(September 2026)










Mittwoch, 19. August 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐Tödliche Abgründe Teil 1 - Alex S. Judge



Wenn die Kränkung zur Waffe wird

Manchmal beginnt ein Mord nicht mit dem grellen Mündungsknall eines Schusses, dem kalten Aufblitzen einer Klinge oder in einem einzigen, verhängnisvollen Augenblick des Affekts. Er beginnt viel früher, im Stillen, im Verborgenen. Dort, wo sich eine Kränkung tief ins Fleisch frisst, wo Verletzungen über Jahre hinweg eitern und aus einem rein persönlichen Schmerz langsam, aber unaufhaltsam ein verzerrtes Weltbild erwächst.

Alex S. Judges Kriminalroman „Tödliche Abgründe“ erweist sich als ein literarisches Seziermesser, das genau in diese psychologischen Wunden hineinschneidet. Das Buch verweilt nicht bloß an der Oberfläche von Leichen und Indizien, sondern blickt auf das, was im Unterholz der menschlichen Seele geschieht, lange bevor überhaupt der Gedanke an eine Tat reift.

Der Schauplatz dieser Tragödie könnte dabei kaum widersprüchlicher, kaum aufgeladener sein: Ausgerechnet in der maroden Ruine einer abgebrannten Diskothek soll gegen den erbitterten Widerstand der Anwohnerschaft ein exklusiver Swingerclub entstehen. Es ist ein kalkulierter Zusammenprall der Welten. Ein Ort, an dem die Lust kommerzialisiert wird, trifft auf eine Nachbarschaft, in der die bürgerliche Moral plötzlich wieder eine ungeahnte, fast inquisitorische Lautstärke annimmt. Die Gemüter erhitzen sich, die Fronten verhärten sich – und wenig später liegt der charismatische Clubbesitzer tot in den Trümmern. Gefesselt an ein Andreaskreuz, das Wort „Sünder“ tief in die Brust geritzt.

Ein ziemlich deutlicher, beinahe ritueller Kommentar des Täters.

Von diesem Moment an inszeniert Judge ein virtuoses Spiel mit Verdacht, Moral und den inhärenten Schwächen des Menschen. Hinter dem Mordfall verbirgt sich weit mehr als das klassische Whodunit. Es geht um das tiefe Gefühl der Deplatzierung und Verletzung. Um jene, die sich im absoluten moralischen Recht wähnen, und um jene gefährliche Grenze, an der aus berechtigter gesellschaftlicher Empörung blinde, persönliche Vergeltung wird.

Kommissar Peter Pfeiffer und seine Kollegin Nina Schätzlein bewegen sich fortan durch ein dichtes Geflecht aus Misstrauen, Begierde, Scham und kollektivem Verschweigen. Beim Lesen spürt man physisch, dass diese Ermittler nicht im luftleeren Raum operieren. Sie waten mitten durch einen Morast aus Verdächtigen und Zeugen, von denen jeder etwas zu verbergen hat – manchmal vor der Justiz, manchmal vor den eigenen Angehörigen, am meisten jedoch vor sich selbst.

Da ist etwa Martin Weigand, der Initiator der Bürgerinitiative gegen den Club, der rasch ins Visier der Ermittlungen gerät. Seine Frau Karin präsentiert ein dubioses Alibi. Plötzlich wird Schutz verdächtig, Loyalität bekommt einen bitteren Beigeschmack und die Wahrheit entzieht sich genau in dem Moment, in dem man glaubt, sie endlich greifen zu können. Dieses psychologische Pendeln zwischen Verdacht und Loyalität macht den eigentlichen Kern der Spannung aus. Denn ein Alibi kann schützen – oder belasten. Ein Schweigen kann aus Liebe geboren sein – oder aus nackter Schuld. Und oft ist derjenige, der einen Anderen am vehementesten verteidigt, genau der, der am meisten zu verlieren hat.

Besonders düster und existenziell wird der Roman dort, wo ein tiefes privates Leid als ideologische Begründung für die Rache herhalten muss. Ein erlittener Schmerz wird hier zum Nährboden für eine alles zerstörende Vergeltung. Aus diesem Schmerz wird eine Fixierung, aus der Fixierung nackter Hass – und irgendwann scheint die eigene Verletzung jedes Mittel, selbst das monströseste, zu rechtfertigen.

Eine Domina, die als letzte Besucherin in der Mordnacht identifiziert wird, fügt diesem psychologischen Kammerspiel eine weitere, faszinierende Schicht hinzu. Sie ist keine bloße Spur im polizeilichen Protokoll. Sie steht symbolisch für die Frage, wie viele Rollen ein Individuum in einer modernen Gesellschaft spielen kann, bevor die eigene Identität vollkommen unscharf wird. Was ist echt? Was ist Inszenierung? Und wie viel nackte Wahrheit verträgt ein Mensch, der sich tagein, tagaus hinter einer Maske verbirgt?

Auch die Ermittler bleiben von diesem moralischen Sog nicht unangetastet. Pfeiffer und Schätzlein sind keine sterilen, emotionslosen Bürokraten des Gesetzes. Sie werden unmittelbar mit den eigenen Begierden, mit gesellschaftlichen Tabus und moralischen Grenzbereichen konfrontiert. Ihre Arbeit führt sie nicht nur in die Milieus des Verbrechens, sondern zwingt auch das Lesepublikum zu einem Blick in die dunkelsten Winkel der eigenen Psyche.

Darin liegt die eigentliche, bleibende Stärke dieses Kriminalromans. Die drängendste Frage lautet am Ende nicht: Wer war es? - sondern vielmehr - : Was muss in einem Menschen vorgehen, damit aus einer tiefen Verletzung eine tödliche Vergeltung wird?

Fazit
„Tödliche Abgründe“ ist vordergründig ein Roman über einen Mord, im Kern jedoch eine präzise Seelenstudie über das Zwischenmenschliche. Es ist ein Buch über Kränkungen, die sich wie Parasiten im Geist einnisten. Über Schuld, die feige weitergereicht wird, und über eine Moral, die im Zweifel immer nur für die anderen gilt. Judge zeigt uns die erschreckend dünne Linie zwischen Opfer und Täter, die dann kollabiert, wenn Schmerz nicht verarbeitet, sondern zum mörderischen Antrieb wird.

Wer einen Kriminalroman sucht, der nicht an der Absperrung des Tatorts haltmacht, sondern die moralischen Grauzonen unserer Existenz ausleuchtet, findet hier eine schonungslose, ehrliche und bisweilen unangenehm wahre Geschichte. Sie lässt uns verstehen, warum Menschen manchmal genau zu dem werden, was sie selbst am meisten verachten.

Heidelinde Penndorf

(August 2026)








Sonntag, 9. August 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐Und dennoch ist das Leben schön: Bewegende Kurzgeschichten - Rena Bardorf



Rena Bardorf schenkt uns ein feines Büchlein voller ergreifender Kurzgeschichten, die mich auf leise, aber nachhaltige Weise erreicht haben. Diese Geschichten erzählen von Menschen, die mit ihrem Schicksal ringen, von Verletzungen, Verlusten und dem langen Weg zur inneren Versöhnung. Besonders gefallen hat mir, dass Bardorf gerade den unscheinbaren Momenten Raum gibt – jenen Augenblicken, die im Alltag oft übersehen werden, aber im Herzen lange nachklingen. Alles wirkt dabei ehrlich und feinfühlig, ohne jemals ins Kitschige abzurutschen.

In „Heimatland – Niemandsland“ wird die innere Zerrissenheit des Protagonisten Stefan Maronow eindrucksvoll sichtbar. Als ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter im Westerwald lebt er zwischen Anpassung und Fremdheit, zwischen dem Wunsch dazuzugehören und der Erfahrung, doch immer ein Fremder zu bleiben. Bardorf macht spürbar, dass Herkunft und Identität nicht einfach abgelegt werden können. Auch „Melancholie im Herbst“ hat mich besonders angesprochen, weil die Natur hier auf stille und eindringliche Weise zum Spiegel des Lebens wird. Der Wandel der Jahreszeiten steht für Vergänglichkeit, zugleich aber auch für Annahme und innere Ruhe. Gerade diese Verbindung von Melancholie und Hoffnung verleiht der Geschichte ihre besondere Kraft.

Die Autorin schreibt klar, unaufdringlich und mit einem feinen Gespür für das Wesentliche. Durch kleine sprachliche Eigenheiten, wie Stefans gebrochenes Deutsch, erhalten ihre Figuren eine glaubwürdige und verletzliche Menschlichkeit. „Und dennoch ist das Leben schön“ ist kein lautes Buch, sondern eines, das leise nachhallt. Es erzählt von schweren Erfahrungen, aber auch von Würde, Menschlichkeit und der Kraft, weiterzugehen. Für mich ist es eine Sammlung, die man nicht einfach liest und wieder vergisst, sondern die noch lange im Inneren nachklingt. Eine klare Leseempfehlung von mir.

Heidelinde Penndorf

(August 2026)







Samstag, 8. August 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐≠ Schwestern ≠ Liebe: Schwestern, die es nicht sind. Liebe, die es nicht gibt - Aida Larsingen



Ein leiser, aufwühlender Befreiungsschlag gegen die Schatten der eigenen Familie

Es gibt Geschichten, die mich auf eine sanfte und zugleich eindringliche Weise sofort durch ihre ungeschönte, schmerzhafte Echtheit gefangen nehmen. Aida Larsingens Novelle „Schwestern Liebe“ ist genau so ein kleines Büchlein – unscheinbar in seiner Größe, aber gewaltig in seiner emotionalen Wirkung.

Es liest sich wie das Psychogramm einer Frau, die im emotionalen Eis einer toxischen Familie aufgewachsen ist und nun Schritt für Schritt lernt, sich selbst wiederzufinden.

Im Mittelpunkt steht Marina, eine feinfühlige Englischlehrerin, mit der ich von der ersten Seite an intensiv mitgefühlt habe. Ihr ganzes Leben lang hat sie versucht, alles richtig zu machen. Sie war die „brave“ Tochter, die im Schatten ihrer jüngeren Schwester Polina lebte – einer Schwester, die von der Mutter mit Zärtlichkeit und Privilegien überschüttet wurde, während Marina nur Kälte, Kritik und ständige Abwertung erfuhr.

Die Autorin zeichnet diesen emotionalen Missbrauch mit einer erschreckenden Alltäglichkeit nach. Jedes Treffen mit der Mutter am steril sauberen Küchentisch hat mich beim Lesen tief betroffen gemacht. Es fühlt sich an wie ein schmerzhaftes Ritual, bei dem Marinas Selbstwertgefühl immer wieder aufs Neue verletzt und erschüttert wird.

Die Dynamik der Geschichte spitzt sich dramatisch zu, als Marinas Ex-Freund Pavel spurlos verschwindet und Jahre später eine grausame, manipulative Nachricht in einem alten Koffer hinterlässt.

Dadurch, dass die Kurzgeschichte abwechselnd aus den Perspektiven verschiedener Figuren erzählt wird, entfaltet sich vor den Augen der Leserinnen und Leser ein dichtes Netz aus Egoismus, Missgunst und lang gehüteten Familiengeheimnissen. Nach und nach beginnt die Fassade der Mutter und der Schwester zu bröckeln, bis die Wahrheit nicht länger verborgen bleiben kann.

Doch dieses Buch hat mich nicht mit einer reinen Tragödie zurückgelassen. Mit dem Auftauchen von Evgeny, einem aufmerksamen Wachmann, zieht ein Hauch von Frühling in Marinas graue Welt ein. Die zaghafte Annäherung der beiden im Café, das stille gegenseitige Verständnis und der Mut, sich einer fremden Seele zu öffnen, bilden für mich einen wunderbaren emotionalen Gegenpol zur Kälte ihrer Familie.

Aida Larsingen schreibt mit einfachen, aber ungemein kraftvollen Worten über komplexe und tief verletzende Gefühle. Mich hat diese Novelle tief bewegt, und ihre Geschichte klingt auch nach dem Lesen noch lange in mir nach.

Ein absoluter Geheimtipp für alle Leserinnen und Leser, die psychologisch dichte Geschichten über familiäre Verletzungen, verborgene Wunden und den leisen Mut zum Neuanfang lieben. Eine sehr gehaltvolle Kurzgeschichte - absolut lesenswert!

Heidelinde Penndorf

(August 2026)






Sonntag, 2. August 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ Die Blüte der Hoffnung | Ein bewegender historischer Liebesroman aus der Zeit des Aufbruchs



Elisabeth Marienhagens Roman Blüte der Hoffnung ist weit mehr als ein historischer Liebes- und Familienroman. Er ist ein eindringliches literarisches Zeugnis darüber, wie eine menschenverachtende Ideologie schleichend in den Alltag eindringt, Beziehungen vergiftet und schließlich Leben vernichtet.

Selten hat mich ein Buch so tief berührt wie dieses. Ich habe es nicht einfach gelesen – ich habe es erlebt. Immer wieder musste ich innehalten, weil mich die Schicksale der Figuren, ihre Ängste, ihre Hoffnungen und ihre zunehmende Ausgrenzung tief erschüttert haben. Blüte der Hoffnung ist kein leichtes Buch. Es verlangt Aufmerksamkeit, Mitgefühl und die Bereitschaft, sich dem Schmerz der Geschichte auszusetzen. Gerade darin liegt seine besondere Kraft. Es ist ein Roman, der nicht nur gelesen, sondern gefühlt werden will – und dessen Botschaft lange nach der letzten Seite in Herz und Gedanken weiterlebt.

Die Autorin führt ihre Leserinnen und Leser in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg – in eine Gesellschaft zwischen Erschöpfung und Aufbruch. Die Sehnsucht nach Frieden, Sicherheit und einem Leben ohne Angst ist groß. Doch gerade diese Sehnsucht wird zur Einfallspforte für jene Kräfte, die mit einfachen Parolen, falschen Versprechen und klaren Feindbildern auftreten. Was zunächst wie ein Weg in eine bessere Zukunft erscheint, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer Diktatur, die schließlich jeden Winkel des privaten und öffentlichen Lebens durchdringt.

Besonders eindrucksvoll gelingt ihr die Darstellung dieser schleichenden Veränderung einer Gesellschaft. Nachbarn, die sich einst selbstverständlich halfen, begegnen sich plötzlich mit Misstrauen. Freundschaften zerbrechen, Familien werden auseinandergerissen, weil politische Überzeugungen wichtiger werden als Menschlichkeit. Der Nationalsozialismus erscheint in diesem Roman nicht als abstraktes politisches System, sondern als bedrückende Realität, die in Wohnzimmer eindringt, an Esstischen Platz nimmt und sich in Gesprächen, Blicken und bedrückendem Schweigen bemerkbar macht. Hass entsteht nicht von heute auf morgen. Er wächst langsam – genährt durch Angst, Propaganda und die schleichende Gewöhnung an Unrecht.

Ein zentrales Motiv bildet die Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933. Elisabeth Marienhagen erinnert eindrucksvoll daran, dass damals nicht nur Bücher verbrannten, sondern Gedanken, Meinungsfreiheit und geistige Freiheit. Besonders bewegend ist die Erinnerung an Erich Kästner, der miterleben musste, wie seine eigenen Werke in Berlin den Flammen übergeben wurden. Diese Szene steht sinnbildlich für den Beginn einer Entwicklung, die weit über die Zerstörung von Literatur hinausging. Wer Bücher verbrennt, bereitet den Boden dafür, irgendwann auch Menschen ihre Würde, ihre Freiheit und schließlich ihr Leben zu nehmen.

Der Roman zeichnet eindringlich nach, wie aus politischer Verfolgung Schritt für Schritt ein System organisierter Gewalt entsteht. Früh entstehen provisorische Konzentrationslager – zunächst für politische Gegner und Regimekritiker, später auch für jüdische Bürgerinnen und Bürger. Selbst Menschen, die ihren jüdischen Freunden beistehen oder ihnen helfen, geraten ins Visier des Regimes. Angst wird zum ständigen Begleiter des Alltags.

Im Mittelpunkt stehen jedoch immer die Menschen. Die Liebesgeschichte zwischen Heiner und Esther ist weit mehr als eine bewegende Beziehung. Sie stellt die schmerzliche Frage, wie Liebe bestehen kann, wenn Herkunft, Religion und die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten über den Wert eines Menschen entscheiden sollen. Wo Vertrauen wachsen könnte, werden Misstrauen und Denunziation gesät. Jüdische Familien verlieren nach und nach ihre Sicherheit, ihre Heimat und schließlich ihre Existenz. Elisabeth Marienhagen erzählt diese Schicksale mit großer Sensibilität und beeindruckender Zurückhaltung. Gerade weil sie auf übertriebene Dramatik verzichtet, treffen ihre Worte umso tiefer.

Besonders erschütternd ist der Blick auf die Kinder. Jüdische Schülerinnen und Schüler werden zunehmend ausgegrenzt, gedemütigt und ihrer Zukunft beraubt, während andere Kinder in Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädel systematisch im Sinne des Regimes erzogen werden. Was nach Gemeinschaft aussieht, entpuppt sich als gezielte Indoktrination einer ganzen Generation. Kinder lernen, Menschen nach ihrer Herkunft zu beurteilen, lange bevor sie gelernt haben, ihnen mit Offenheit und Mitgefühl zu begegnen. Eltern müssen hilflos zusehen, wie ihre eigenen Kinder von einer Ideologie vereinnahmt werden, die Hass über Menschlichkeit stellt.

Gerade diese Kapitel haben mich besonders bewegt. Beim Lesen dachte ich immer wieder nicht nur an die Vergangenheit, sondern auch an unsere Gegenwart. Daran, wie wichtig es ist, Kindern Mitgefühl, Respekt und demokratische Werte vorzuleben. Daran, wie schnell Vorurteile wachsen können, wenn Menschen beginnen, andere nach Herkunft, Religion oder Weltanschauung einzuteilen. Dieses Buch ist deshalb nicht nur historische Literatur – es ist ein eindringlicher Weckruf.

Und dennoch bleibt der Roman nicht im Dunkel stehen. Er erzählt auch von Mut, von Menschlichkeit und von der Kraft der Hoffnung. Von Menschen, die trotz persönlicher Gefahr zu ihren Überzeugungen stehen. Von Familien, die füreinander einstehen. Von Freunden, die ihre Loyalität nicht aufgeben. Von Nachbarn, die jüdischen Mitmenschen helfen und dafür ihr eigenes Leben riskieren. Gerade diese leisen Gesten berühren besonders tief. Sie zeigen, dass Menschlichkeit selbst unter den dunkelsten Bedingungen nicht völlig ausgelöscht werden kann. In ihnen liegt die eigentliche „Blüte der Hoffnung“, die dem Roman seinen Titel und seine stille Leuchtkraft verleiht.

Sprachlich überzeugt Elisabeth Marienhagen mit einer ruhigen, atmosphärisch dichten Erzählweise. Die historische Recherche ist hervorragend und fügt sich selbstverständlich in die Handlung ein. Nichts wirkt belehrend oder aufgesetzt. Stattdessen entsteht das Gefühl, selbst Teil dieser Zeit zu sein, mit den Figuren zu hoffen, zu bangen und zu leiden. Genau darin liegt die große Stärke dieses Romans: Er schafft Nähe. Man liest ihn nicht aus sicherer Distanz – man erlebt ihn.

Für mich hat dieses Buch aber noch eine tiefere Bedeutung. Es hat mir einmal mehr bewusst gemacht, warum Literatur unverzichtbar ist – gerade in unserer heutigen Zeit. Literatur bewahrt Erinnerungen, wenn Menschen beginnen zu vergessen. Sie macht Zusammenhänge sichtbar, wo einfache Parolen die Wirklichkeit verkürzen. Sie gibt jenen eine Stimme, die zum Schweigen gebracht wurden, und sie lässt uns das Leid anderer nicht nur verstehen, sondern mitfühlen. Kein Geschichtsbuch, keine Statistik und keine politische Rede vermag das auf dieselbe Weise. Gute Literatur öffnet unser Herz, bevor sie unseren Verstand erreicht.

Deshalb ist Blüte der Hoffnung für mich kein Roman, den man einfach zur Unterhaltung liest. Es ist ein Buch, das aufrüttelt, das Fragen stellt und den Leser nicht unberührt entlässt. Manche Bücher schenken Trost. Andere schenken Erkenntnis. Dieses Buch schenkt beides – und zugleich die Verantwortung, nicht wegzusehen.

Was Blüte der Hoffnung darüber hinaus so bedeutsam macht, ist seine bedrückende Aktualität. Wir leben in einer Zeit, in der demokratische Werte wieder offen infrage gestellt werden, in der Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Überzeugungen ausgegrenzt werden und Sprache zunehmend verroht. Geschichte wiederholt sich niemals eins zu eins – aber ihre Warnzeichen ähneln sich erschreckend. Ausgrenzung beginnt nicht mit Pogromen oder Konzentrationslagern. Sie beginnt mit Worten. Mit Vorurteilen. Mit Hassbotschaften. Mit dem bewussten Gegeneinanderausspielen von Menschen. Und sie beginnt dort, wo zu viele schweigen.

Dieses Buch hat mich tief bewegt. Es hat mich traurig gemacht, nachdenklich und manchmal auch sprachlos. Gerade deshalb halte ich es für so wichtig. Es erinnert uns daran, dass Demokratie, Freiheit und Menschenwürde niemals selbstverständlich sind. Sie müssen jeden Tag neu geschützt und gelebt werden.

Blüte der Hoffnung ist Erinnerung und Mahnung zugleich – ein eindringliches Plädoyer für Menschlichkeit, Mitgefühl und Zivilcourage. Es zeigt auf erschütternde Weise, wohin Gleichgültigkeit, Hass und Ausgrenzung führen können, macht aber zugleich deutlich, welche Kraft in Mitgefühl, Solidarität und Hoffnung liegt.

Gerade in einer Zeit, in der laute Stimmen einfache Antworten versprechen, Geschichte relativiert wird und Menschen wieder gegeneinander ausgespielt werden, braucht es Bücher wie Blüte der Hoffnung. Bücher, die nicht urteilen, sondern erinnern. Die nicht spalten, sondern Mitgefühl wachsen lassen. Denn Literatur kann die Vergangenheit nicht ändern – aber sie kann unser Herz für die Gegenwart öffnen und unsere Verantwortung für die Zukunft stärken.

Für mich ist dieser Roman ein außergewöhnliches Werk. Kein leichtes Buch – aber eines, das gerade heute gelesen werden sollte. Es geht unter die Haut, rüttelt auf und bleibt lange in Herz und Gedanken. Es erinnert uns daran, dass Geschichte nicht nur Vergangenheit ist, sondern Verantwortung für unsere Gegenwart und unsere Zukunft. Das Buch hat meine uneingeschränkte Leseempfehlung

Heidelinde Penndorf

(August 2026)









Samstag, 1. August 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ warmes Licht - lichte Wärme: Haiku verstehen - Elena Abendroth & Georg Seibt



In einer Zeit voller Lärm und Eile wirkt dieses Buch wie ein leiser Gegenentwurf: Warmes Licht – lichte Wärme schenkt Momente der Stille und erinnert daran, wie viel Weisheit und Schönheit im Einfachen liegen können.

Bereits das Cover, das von Georg Seibt gestaltete Titelfoto und der poetische Titel strahlen eine wohltuende Ruhe aus. Elena Abendroth und Georg Seibt laden ihre Leserschaft zu einer Reise ein, die den Zauber des Augenblicks mit achtsamer Sensibilität verbindet. Dieses Buch ist ein stiller Zufluchtsort für die Seele – ein Ort des Innehaltens inmitten einer oft rastlosen Welt. Im Mittelpunkt steht die traditionsreiche Kunst des Haiku – wohl die kürzeste Gedichtform der Welt. Mit 42 sorgfältig ausgewählten Haiku spannt Elena Abendroth einen eindrucksvollen Lebensbogen und führt durch die verschiedenen Phasen und Gefühlswelten des menschlichen Daseins: vom hellen, unbeschwerten Licht des Anfangs bis hin zur stillen Akzeptanz des Endes.

Dabei knüpft sie spürbar an die Philosophie buddhistischer Achtsamkeit an. Ihr philosophischer und psychologischer Hintergrund klingt in jedem Vers an, ohne sich jemals in den Vordergrund zu drängen. Flüchtige Augenblicke des Alltags werden mit großer Präzision eingefangen und verdichten sich zu Bildern, die lange nachwirken. Oft genügt ein einziges Detail, um eine Atmosphäre entstehen zu lassen, die berührt und den Blick für das Wesentliche öffnet.

Besonders gelungen ist der Aufbau des Buches, denn es geht weit über eine reine Gedichtsammlung hinaus. Der Zusatz „Haiku verstehen“ wird hier mit Leben gefüllt. Wie bei einer behutsamen Führung durch eine Kunstgalerie begleiten einfühlsame Erläuterungen und Interpretationen die Lesenden. Sie eröffnen neue Sichtweisen und erschließen weitere Bedeutungsebenen, ohne den Zauber der Verse zu erklären oder ihre Offenheit einzuschränken. Gerade darin liegt die Stärke dieses Buches: Es lädt zum eigenen Entdecken ein. Zugleich zeigt es auf unaufdringliche Weise, wie sich Achtsamkeit, Wärme und Entschleunigung in den Alltag integrieren lassen. Nicht belehrend, sondern inspirierend erinnert es daran, dass das Wesentliche oft im Unscheinbaren verborgen liegt.

Warmes Licht – lichte Wärme ist ein zutiefst gehaltvolles und wohltuendes Buch. Es zelebriert die Kunst des Weglassens und macht gerade dadurch sichtbar, wie viel Kraft in wenigen Worten liegen kann. In einer Zeit, in der vieles laut, schnell und flüchtig geworden ist, wirkt dieses Buch wie ein warmes Licht, das lange in der Seele nachleuchtet.

Gern empfehle ich diesen wundervollen Lyrikband weiter. Er ist ein echtes Herzensbuch – eines, das man immer wieder zur Hand nehmen möchte, um innezuhalten, durchzuatmen und sich daran erinnern zu lassen, dass manchmal drei Zeilen genügen, um eine ganze Welt zu eröffnen.

Heidelinde Penndorf

(August 2026)










Montag, 20. Juli 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Die Schuldigen: Reality Check - Ava J. Thompson



Ein gnadenloser, hochemotionaler Wendepunkt, der unter die Haut geht

Mit „Reality Check“ erreicht Ava J. Thompsons vielschichtige Mafia-Reihe eine neue Intensität. Was zuvor von moralischen Grauzonen geprägt war, kippt nun in eine Realität, die keine Ausweichmöglichkeiten mehr zulässt. Der Titel ist weit mehr als nur ein Versprechen: Er markiert einen schmerzhaften Bruchpunkt, an dem Illusionen zerfallen und Entscheidungen unwiderrufliche Konsequenzen fordern.

Die Ereignisse spitzen sich dramatisch zu. Luigi Di Stefano ist derjenige, der versucht hat, die Familie Duarte auszulöschen und ihre Macht endgültig zu brechen. Gefangen im zerstörerischen Einfluss seines Vaters und getrieben von innerer Zerrissenheit, wird er selbst zum Sinnbild eines eskalierenden psychologischen Abgrunds. Gleichzeitig stehen die Duartes vor den Trümmern ihrer Existenz. Ihre Mitarbeitersiedlung ist zerstört. Ein Wiederaufbau unter höchsten Sicherheitsstandards soll nun den verzweifelten Versuch darstellen, die Kontrolle über eine zunehmend entgleitende Welt zurückzugewinnen. Die gesamte Familie gerät dabei an ihre Grenzen. Matteo und Howard sehen sich mit eigenen Belastungen konfrontiert, während das persönliche Glück der Familie Stück für Stück zerbricht. Es ist eine zermürbende, von Verlust und Angst geprägte Zeit, in der selbst engste Bindungen auf eine harte Probe gestellt werden.

Ava J. Thompson gelingt es eindrucksvoll, diese emotionale Ausnahmesituation greifbar zu machen. Besonders Luigis innere Kämpfe, seine Sucht und seine Momente absoluter Hilflosigkeit sind so intensiv gezeichnet, dass sie den Leser unmittelbar erfassen. Die Atmosphäre ist düster, dicht und kompromisslos – nichts wird beschönigt. Die Bedrohung liegt in jeder Szene spürbar in der Luft. Und doch liegt die wahre Stärke dieses Bandes nicht allein in seiner Härte, sondern in seiner tiefen Menschlichkeit. Im Zentrum stehen fragile Bindungen sowie der verzweifelte Wunsch nach Schutz, Halt und einem Ausweg aus einem Albtraum, der immer realer wird.

Fazit:
„Reality Check“ war für mich kein leichtes Buch, sondern ein emotional fordernder und zugleich beeindruckender Meilenstein der Reihe. Da ich tiefgründige Charaktere und intensive Familiendynamiken sehr schätze, habe ich dieses Buch nicht nur gelesen, sondern von der ersten bis zur letzten Seite regelrecht durchlebt.

Heidelinde Penndorf

(Juli 2026)







Montag, 29. Juni 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Der Bonbon-Mord zu Köln - Eva- Maria Silber & Kirsten Wilczek



Mit „Der Bonbon-Mord zu Köln“ legen Eva-Maria Silber und Kirsten Wilczek den fesselnden zweiten Band ihrer historischen Kriminalreihe vor. Auch in dieser Fortsetzung spürt man sofort, wie viel intensive Recherche und sorgfältige Detailarbeit in jeder Szene steckt. Das historische Köln des Jahres 1848 wird eindrucksvoll lebendig geschildert – eine Zeit des Umbruchs, in der die sozialen Gegensätze zwischen Arm und Reich deutlich hervortreten.

Im Zentrum der Handlung steht eine ebenso elegante wie rätselhafte Frau, die als Giftmischerin auftritt und mit erschreckender Raffinesse versucht, die Gerichtsbarkeit zu täuschen, um der Guillotine zu entgehen. Der Fall selbst hat mich sofort gepackt: Mit Strychnin versetzte Schokoladenbonbons sorgen für Angst und Schrecken in der Stadt. Besonders tragisch ist das Schicksal eines kleinen Jungen, der durch das Gift stirbt, während andere Betroffene zwar schwer erkranken, sich aber glücklicherweise wieder erholen.

Besonders eindrucksvoll fand ich die Darstellung der Gerichtsverhandlungen. Die Verteidiger Bas Sello und Dr. Venedey müssen ihr ganzes Können aufbieten, um ihre Mandantin zu retten. Dabei wird nicht nur Spannung erzeugt, sondern auch eine für die damalige Zeit erstaunlich moderne Frage verhandelt: die der Schuldfähigkeit. Es entbrennt ein psychologisches deliziöses Verwirrspiel welches inhaltlich kaum zu überbieten ist und zu einer ziemlich überraschenden Wende führt.

Eingebettet ist diese Kriminalhandlung in den faszinierenden historischen Hintergrund eines Deutschlands, das noch vom französischen Recht geprägt ist. Besonders spannend fand ich hierbei die Schilderung der ersten politischen Versammlungen und die Rolle Karl Marx', der für viele Menschen als Hoffnungsträger erscheint. Vor allem während einer Zusammenkunft bei einem gemeinsamen Essen habe ich ihn als erstaunlich impulsiv erlebt – fast greifbar in seiner Leidenschaft und Unruhe.

Was diesen Roman für mich besonders auszeichnet, ist seine ungeschönte und dichte Atmosphäre. Das Buch führt dem Leser schonungslos die immense Armut vor Augen, die damals in der Stadt herrschte, und beleuchtet die tiefen Gräben zwischen den gesellschaftlichen Schichten. Auch die unzureichenden, oft katastrophalen hygienischen Bedingungen der damaligen Zeit werden eindringlich greifbar. Die Kulisse des noch unvollendeten Doms und das geschäftige Treiben der Stadt werden durch das stimmig eingebundene Kölsch authentisch untermalt, ohne den Lesefluss zu stören. Gleichzeitig sorgen kleine, fein gesetzte humorvolle Szenen für angenehme Auflockerung.

Fazit:
Für mich ist dieses Buch kein Krimi, den man nebenbei liest. Ich habe jede Seite bewusst genossen – und am Ende blieb nicht nur die Spannung nach dem letzten Kapitel, sondern auch das Gefühl, ein Stück dieser unruhigen, widersprüchlichen Zeit mitgenommen zu haben, das noch lange nachhallt. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für Fans anspruchsvoller historischer Romane!

Heidelinde Penndorf

(Juni 2026)








Dienstag, 16. Juni 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Unordentliche Verhältnisse - Familiengeheimnisse - Teil I - Ilka Roth (alias Fiona Limar)


 „Ein historisches Highlight, das tief berührt!“

Mit Unordentliche Verhältnisse hat mich Fiona Limar, die hier unter dem Pseudonym Ilka Roth schreibt, auf eine Weise überrascht, die ich nicht erwartet hätte. Obwohl ich historischen Romanen meist mit einer gewissen Zurückhaltung begegne, war ich schon nach wenigen Seiten in dieser dichten und atmosphärisch fein gezeichneten Geschichte angekommen. Es ist einer jener seltenen Romane, die nicht nur mein Interesse wecken, sondern mich emotional ganz in ihren Bann ziehen.

Im Mittelpunkt steht Ilse, eine junge Frau in den Zwanzigerjahren, die sich aus engen und belastenden Verhältnissen heraus ihren eigenen Weg zu erkämpfen versucht. Besonders berührt hat mich die Verbindung von Verletzlichkeit und innerer Stärke, die diese Figur auszeichnet. Während der Lektüre verspürte ich immer wieder den Wunsch, sie zu schützen, ihr Mut zuzusprechen oder ihr beizustehen. Gerade darin liegt für mich eine große Stärke des Romans: Er erzählt nicht bloß von einem Schicksal, sondern ermöglicht es, dieses Schicksal mitzuerleben.

Besonders eindrucksvoll ist die Art, wie die Autorin historische Atmosphäre, soziale Enge und psychologische Spannung miteinander verknüpft. Das Dorf, in dem Ilse lebt, bleibt nicht bloß Kulisse, sondern wird zu einem Ort des Verschweigens, der Begrenzung und der latenten Bedrohung. Gleichzeitig eröffnet der Roman einen authentischen Blick auf die Lebenswirklichkeit junger Frauen jener Zeit, deren Wünsche und Hoffnungen häufig an gesellschaftlichen Erwartungen und familiären Machtstrukturen scheiterten. Dass diese historische Wirklichkeit nie belehrend wirkt, sondern organisch in die Handlung eingebunden ist, empfand ich als besonders gelungen.

Auch die Nebenfiguren tragen wesentlich zur Wirkung der Geschichte bei. Sie bleiben nicht bloße Statisten, sondern prägen mit ihren Widersprüchen und Eigenheiten das Gefüge des Romans. Zwischen Härte und Fürsorge, Schweigen und Anteilnahme entsteht ein vielschichtiges Beziehungsnetz, das der Erzählung zusätzliche Tiefe verleiht. Dabei wird stets spürbar, dass hier mit erzählerischer Sicherheit und einem feinen Gespür für Zwischentöne geschrieben wurde.

Für mich war Unordentliche Verhältnisse weit mehr als eine unterhaltsame Lektüre. Der Roman hat mich bewegt, nachdenklich gemacht und lange über die letzte Seite hinaus begleitet. Er verbindet historische Glaubwürdigkeit mit emotionaler Nähe und einer starken Hauptfigur zu einer Geschichte, die nachwirkt. Eine intensive, kluge und atmosphärisch dichte Erzählung, die ich sehr gern gelesen habe.

Heidelinde Penndorf

(Juni 2026)

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Montag, 15. Juni 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Bahnfahrt nach Emden, Sturmtief und andere Turbulenzen - Dietmar Cuntz



Der Autor Dietmar Cuntz überrascht seine Leserinnen und Leser mit sieben Kurzgeschichten, in denen kleine Menschengruppen in den unterschiedlichsten Alltagssituationen aufeinandertreffen. Ob in einem steckengebliebenen Aufzug, während eines Kochkurses, auf einer Wanderung oder bei anderen zufälligen Begegnungen – stets stehen die zwischenmenschlichen Beziehungen und ihre feinen, oft leisen Dynamiken im Mittelpunkt.

Die Geschichten zeigen ein vielschichtiges und interessantes Bild menschlicher Begegnungen. Unterschiedliche Charaktere, Temperamente und Lebenswege treffen aufeinander und formen vertraute Gruppenkonstellationen: Einige übernehmen die Führung, andere bleiben eher im Hintergrund, wieder andere versuchen zu vermitteln. Besonders berührt haben mich jene Figuren, die sich in solchen Situationen unsicher fühlen oder ihren Platz erst suchen müssen. Gerade darin liegt für mich eine große Authentizität, denn vieles davon wirkt nah am eigenen Erleben. Es wird spürbar, wie wichtig jede einzelne Stimme ist – auch die leisen.

Die stark dialogorientierte Erzählweise verleiht den Geschichten einen beinahe szenischen Charakter. Vieles entfaltet sich im gesprochenen Wort, direkt und unverstellt. Beim Hören hatte ich immer wieder das Gefühl, mitten im Geschehen zu stehen. Besonders die Geschichte „Versöhnung“ ist mir im Gedächtnis geblieben, weil sie aus einer alltäglichen Situation heraus eine unerwartete Tiefe entwickelt. Andere Episoden, wie „Kochkurs“, leben von ihren lebendigen Figuren und ihrem Zusammenspiel. Wie so oft bei Kurzgeschichten haben mich manche stärker angesprochen als andere – einige hallen nach, andere ziehen eher still vorüber.

Das Hörbuch selbst ist sehr gelungen umgesetzt. Die unterschiedlichen Charaktere werden lebendig und klar unterscheidbar gesprochen. Auch wenn ich persönlich dem Lesen den Vorzug gebe, war es eine interessante und bereichernde Erfahrung, mich auf diese Form einzulassen. Beim Hören dieser Kurzgeschichten fühlte ich mich immer wieder wie eine stille Beobachterin mitten im Geschehen – nah an den Menschen, ihren Stimmen und den oft feinen Zwischentönen ihrer Begegnungen. Insgesamt habe ich das Werk als abwechslungsreich und anregend empfunden. Es unterhält nicht nur, sondern lädt auch dazu ein, über das eigene Verhalten in Gemeinschaften nachzudenken – über Nähe, Distanz und das feine Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen.

Heidelinde Penndorf

(Juni 2026)







Sonntag, 7. Juni 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Was wir einander schuldig sind - Wilma Borghoff



Mit „Was wir einander schuldig sind“ hat Wilma Borghoff einen einfühlsamen Familienroman vorgelegt, der mich mitten ins Herz getroffen hat. Die Autorin erzählt von Verlust, Verantwortung und der manchmal leisen, aber unglaublich wichtigen Kraft von Zuwendung. Schon der erste Satz hat mich sofort in die Geschichte hineingezogen: Ein Anruf, eine erschütternde Nachricht – und das Leben einer Familie steht plötzlich Kopf.

Besonders packend ist die enorme emotionale Dynamik, die Borghoff aufbaut. Die sterbenskranke Jessica konfrontiert ihren Vater Jarik und dessen Frau Elvira mit einer Entscheidung, die keine Zeit mehr lässt und ein gewaltiges Ausmaß an Veränderungen mit sich bringt. Sehr berührt hat mich, wie die schwierige Begegnung zwischen Jarik, Elvira und der kleinen Talea erzählt wird. Die Unsicherheit, das Schweigen, die Abwehr und die Überforderung auf beiden Seiten waren beim Lesen förmlich spürbar.

Und doch zeigt der Roman, dass Familie mehr ist als nur ein Wort oder ein gemeinsames Zuhause. Familie bedeutet vor allem Haltung, Geduld, Verständnis, Liebe und den Willen, füreinander da zu sein. Diese Annäherungsprozesse spiegeln sich sogar geografisch wider: Der reizvolle Kontrast zwischen der rauen nordischen Weite Frieslands und dem rheinischen Alltag von Jarik und Elvira im Raum Köln hat mir besonders gefallen. Die Figuren tragen den Roman mit all ihren Ecken und Kanten. Elvira ist klug, praktisch und zugleich herzlich. Jarik kämpft mit seinen zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten, und Talea, das sturköpfige Mädchen, habe ich trotz – oder gerade wegen – ihrer Widerborstigkeit sofort ins Herz geschlossen. Auch die bereits bestehende Großfamilie von Jarik und Elvira fügt sich stimmig in die Geschichte ein.

Ein fast poetisches Element ist der immer wiederkehrende Grünspecht. Er verleiht der Handlung etwas Sanftes und Symbolisches und bleibt lange im Gedächtnis. Zusammen mit den feinen Alltagsbeobachtungen macht er den Roman zu einer ruhigen, aber tief bewegenden Lektüre. Für mich ist dies ein intensiver Roman, der lange nachwirkt. Als ich das Buch zuklappte, dachte ich tatsächlich: Davon dürfte es gerne noch einen zweiten Teil geben.

Eine Geschichte über Schmerz, Abschied und Neubeginn – erzählt mit viel Gefühl und Menschlichkeit. Und sie zeigt, wie viel wir einander wirklich schuldig sind: Mitgefühl, Aufmerksamkeit, Offenheit und Liebe. Eine absolute Leseempfehlung für alle, die berührende Familiengeschichten mit viel Herz, Tiefgang und authentischen Figuren mögen.

Heidelinde Penndorf

(Juni 2026)








Donnerstag, 28. Mai 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Mit eigenen Händen: Unser Hausbau in der DDR - Matthias Härtel



Mit eigenen Händen ... ist ein kleines Buch von großer Wärme. Es erzählt nicht einfach vom Bau eines Hauses, sondern vom Bau eines Lebens: mit Schweiß, Einfallsreichtum, Familienkraft und jenem trotzig-zuversichtlichen Willen, aus wenig etwas Bleibendes zu schaffen.

Zwischen Beton, Brettern und alten Erinnerungen leuchtet immer wieder das Menschliche auf. Da ist der Vater als kraftvolle, beinahe mythische Gestalt, die Mutter als stille, unermüdliche Hüterin des Ganzen — und beide zusammen bilden das Herz einer Geschichte, die zugleich privat und zeitgeschichtlich ist.

Besonders schön ist der Ton des Buches: liebevoll, manchmal augenzwinkernd, immer nah am Leben. Die vielen kleinen Szenen und Erinnerungen machen daraus kein bloßes Dokument, sondern ein lebendiges Stück gelebter Vergangenheit.

So entsteht ein feines Zeitbild voller Wärme, Stolz und Dankbarkeit. Ein Buch, das nicht laut sein muss, um zu berühren — weil es von Menschen erzählt, die ihr Leben mit den eigenen Händen getragen haben. Sehr gern empfehle ich das Buch der Leserschaft weiter.

Heidelinde Penndorf

(Mai 2026)