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Freitag, 15. Januar 2016

Ditte Menschenkind - Martin Andersen Nexö - meine Empfehlung




Ich habe dieses Buch in meiner Sammlung - sehr alt, schwarzer schwerer Pappdeckeleinband, ohne jeglichen Schmuck, sehr abgegriffen, ziemlich dick, 677 Seiten, 1952 verlegt im Dietz-Verlag Berlin, in der 5. Auflage und von schwerem Inhalt.



Gelesen habe ich es das erste Mal mit 12 Jahren. Schon damals begriff ich, dass »Ditte Menschenkind« kein ›Nesthäkchen‹ Buch ist. Es gibt Bücher, die muss ich in gewissen Zeitabständen mehrmals lesen. Das beachtenswerte Werk von Martin Andersen Nexö habe ich bis heute mindestens noch weitere fünf Mal regelrecht verschlungen.


Es ist ein harter Stoff, sozialpolitisch durchdrungen und passt auch in die heutige Zeit! In der deutschen Nationalbibliothek ist vermerkt, dass die Handlung des Buches die Zeit von 1880 - 1900 umfasst.

zum Inhalt :

Dittes Mutter litt neun Monate an einer bösen Geschwulst. Diese Geschwulst war Ditte. So wurde sie auch nach der Geburt behandelt. Uneheliche Kinder waren damals ein unverzeihlicher Makel und einfach lästig. Von der Mutter rigoros verstoßen, wuchs Ditte in völliger Armut bei ihren Großeltern auf.

Mit 10 Jahren fordert Dittes Mutter das Kind zurück. Sie wird im Haushalt der Mutter als Arbeitskraft gebraucht. Ditte muss mit ansehen, wie ihre Mutter im Streit um das Erbe die Großmutter umbrachte. Ihre Mutter wurde verhaftet.

Ab diesem Zeitpunkt übernimmt Ditte die Mutterrolle für ihre drei Stiefgeschwister, mit ihrem Stiefvater kommt sie zurecht. Sie leidet unter dem Spott und der Verachtung, das Kind einer Mörderin zu sein. Doch auch der Beruf des Stiefvaters trägt zum schlechten Ruf der Familie bei. Er ist ein Schinder bzw. Abdecker, der für die Tierkörperverwertung zuständig ist. Beide Sachverhalte tragen dazu bei, dass die Familie am äußersten sozialen Rand der Gesellschaft in sehr prekären Verhältnissen lebt.

Im jugendlichen Alter sucht sie sich deshalb eine Stellung, wird vom Sohn ihrer Herrin verführt und schwanger. Sie gibt ihr Kind zur Adoption frei und will sich in der Großstadt Kopenhagen ein neues Leben aufbauen. Dort verdingt sie sich als bezahlte Amme in einer Geburtsklinik. Bald wird ihr klar, dass in der Klinik uneheliche Kinder der Reichen auf mysteriöse Weise den plötzlichen Kindstod sterben. Sie kündigt sofort diese Anstellung auf.

Ditte verdingt sich danach als Dienstmagd, wird Stubenmädchen und später Kinderbetreuerin in einem Familienhaushalt. Das war für sie die schönste unbeschwerteste Zeit. Sie wurde in der Familie als gleichberechtigter Mensch akzeptiert und in den täglichen Tagesablauf wie ein Familienmitglied einbezogen. Doch das Schicksal schlägt hart zu. Sie verliebt sich in den Hausherrn, der ihre Liebe erwidert. Psychisch hält sie dem Druck nicht stand und kündigt.

Danach geht es rasant bergab in und mit ihrem Leben. Sie wird wieder Mutter eines unehelichen Kindes. Weil Ditte ein großes Herz hat, voller Liebe und Güte und ohne Eigennutz ist, nimmt sie noch zwei fremde Kinder bei sich auf. In den Wintermonaten haben sie kein Heizmaterial. Es geht vielen Menschen in ihrer Nachbarschaft ebenso. Kinder sind einfallsreich. Sie stehlen gemeinsam von den Wagons der Güterzüge am Verladebahnhof Kohlen. Peter ein Sohn Dittes, gerät dabei eines Tages unter einen Wagon. Seine Verletzungen sind so schwer, dass er zu Hause in den Armen seiner Mutter stirbt. Da zerspringt etwas in Ditte. Von diesem Schicksalsschlag erholt sie sich nicht. Am Tag der Beerdigung ihres Sohnes hört ihr krankes mattes Herz auf zu schlagen. Sie stirbt, gerade mal 25 Jahre alt.

Sie erlebt nicht mehr mit, dass ihr Sohn ein ganz großes Begräbnis erhält, die Arbeiterschaft hat sich erhoben.

Einen Absatz aus dem Buch will ich zitieren, der heute genauso stimmt, wie damals: 
»Nein, wir rennen mit der Stirn gegen die Wand - wir haben ja nicht mal die Gewerkschaften auf unserer Seite. Bedenk, wie aufgepeitscht alle Gemüter infolge der Arbeitslosigkeit sind - und nun das Schicksal des kleinen Peter! Viel gehört nicht dazu, bis das Feuer entfacht wird. Und nach oben hin ist man vorbereitet und hat seine Vorsichtsmaßnahmen getroffen, Regierung und Polizei.«
Zitatende

Alexander Nexö zeigt in diesem Buch die Tragödie einer Gesellschaft auf, in der die Menschen über ihre Geburt definiert werden. Bist Du arm, dann bleibst Du arm! Ohne große Bildungschancen und ohne einen erlernten Beruf haben die Menschen keine Chance auf ein sozial besseres Leben. Auf der Werteskala des Bürgertums stand Ditte ganz weit abgeschlagen am Rand der Gesellschaft.

Heidelinde Penndorf


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