Mittwoch, 10. Juli 2019

⭐brandneue Rezension⭐: Töchter des Todes - Ulrike Blatter



Ein hochaktueller, politisch brisanter, sehr realistischer und interessanter Roman, in welchem sich das komplexe, vielfältige, soziale, politische und emotionale zwischenmenschliche Gefüge unserer Gesellschaft zeigt – in gewisser Weise ist es ein Spiegel, den Ulrike Blatter uns hinhält. Ein Spiegel, in welchen wir schon beim Lesen des Buchs hineinschauen und erst recht, wenn wir uns mit der Handlung des Buchs reflektierend auseinandersetzen.

Die Handlung ist jeweils aus den Blickwinkeln der handelnden Personen geschrieben, dafür nutzt die Autorin kurze prägnante Kapitel, welche jedes Mal mit einem Cliffhanger enden. Diese Schreibweise verdeutlicht die Bedeutsamkeit des Themas und führt die Leserschaft gekonnt durch die packende Story. Ulrike Blatters Roman zeigt Ausschnitte der Wirklichkeit, wie die IS-Terrormiliz mit Menschen umgeht, die ihrer Propaganda erlegen sind, erzählt von IS-Rückkehrern, und wie wir in unserem Land mit den Themen Terror und Flüchtlinge umgehen.

Wir erleben eine bosnische integrierte Flüchtlingsfamilien in Deutschland, schon richtig verwurzelt – angekommen eben – Freundschaften wurden geknüpft, die zwei Töchter haben in der Schule und Hochschule gute Bildungschancen, der Familie geht es insgesamt gut, alles läuft bestens. Doch von einer Sekunde zur anderen wendet sich das Blatt. Ein Shitstorm ungeahnten Ausmaßes überrollt die Familie – Telefonterror, eine SMS-Flut, persönliche Bedrohungen und Angriffe, die auch ihr Zuhause unsicher machen.

Unterschwellig waberndes, rechtspopulistisches Gedankengut, gelangt an die Oberfläche, organisiert sich, breitet sich aus, eskaliert und überrennt den kleinen fiktiven Ort Taufingen – alles ist am Durchdrehen, jede Manipulation wird für bare Münze genommen, Fremdenfeindlichkeit und blanker Hass richten sich gegen die Familie. Nicht nur eine Bombe explodiert, auch die in den Menschen schlummernde Angst, die Vorurteile gegenüber Flüchtlingen im Allgemeinen – das Städtchen ist ein emotionales Pulverfass.

Die Auflösung der Geschichte ist überraschend und hätte ich so nicht erwartet – sie ist diffizil und bringt zum Schluss des Buchs nochmals spannende Momente.

Reflexion des Buchthemas:

Ulrike Blatter nimmt sich in diesem Buch eines wichtigen Themas an: Fremdenfeindlichkeit und den damit verbundenen problematischen, zwischenmenschlichen Wechselbeziehungen. Angst ist es, die hinter allem steht – Angst im Allgemeinen – vor dem neuen Unbekannten, vor anderen Religionen, vor dem Anderssein der anderen Gegenüber. Es ist eine tief verwurzelte Angst, die wir schon ewig in uns tragen. Wir brauchen einen Sündenbock, für Dinge und Sachverhalte, die in unserem Land schieflaufen: ›Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, sozialer Abstieg, Kriminalität‹. Irgendjemand muss ja schließlich daran schuld sein! Diese Angst wird oft noch durch die Medien, soziale Netzwerke und Verschwörungstheorien geschürt. Sie wird auch gezielt ausgenutzt, durch rechtspopulistische Gruppierungen und Parteien, um ihre politischen Ziele durchzusetzen und um mehr politische Macht zu erlangen.

Gegen diese Angst hilft nur Wissen, je mehr Informationen wir über die Fremden, über die Flüchtlinge, ihre Sitten und Gebräuche erhalten, je mehr wir soziale Kontakte mit ihnen knüpfen, je mehr zwischenmenschliche Gemeinsamkeiten wir mit ihnen feststellen, um so weniger wird die Angst unser Denken beherrschen. Und genau hier hat unsere Regierung immense Fehler gemacht, sie hat die Bevölkerung zumeist desinformiert gelassen und damit den Rechtspopulisten freien Raum gegeben. Ich negiere nicht, dass es unter den Flüchtlingen auch Kriminelle gibt und durch IS-nahe Flüchtlinge die Terrorgefahr angestiegen ist. Doch Kriminelle gibt es überall, auch unter uns. Ich erinnere an die Terrorgefahr durch die RAF – hat es also alles schon gegeben, in unserem Land. Und wer geschichtlich zurückblickt, weiß, dass Europa schon immer ein Einwanderungsland war und es auch genügend Auswanderungen aus unserem Land, in andere Länder gab und immer geben wird. Jeder von uns sollte einmal nachforschen, wo seine ursprünglichen Wurzeln sind, ich denke da werden viele erstaunt sein.

Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt und sehr gerne an die Leserschaft weiter. Es erweitert den Horizont und lässt uns über unseren begrenzten obligatorischen Tellerrand blicken.

Chapeau Ulrike Blatter!






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