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Mittwoch, 9. September 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐: Nähe ist kein Zuhause – Verena Dahms



Wenn Nähe nicht mehr Geborgenheit bedeutet

Mit ihrem neuen Roman „Nähe ist kein Zuhause“ gelingt Verena Dahms ein leises, tief berührendes Buch über den schmalen Grat zwischen Anpassung und weiblicher Selbstbestimmung. Für mich ist es vor allem eine Geschichte über einen Menschen, der sich selbst fast verloren hat – und den Mut finden muss, sich wiederzufinden.

Die Geschichte beginnt im goldenen Herbstlicht von Paris. Ariane verlässt ihre vertraute, perfekt geordnete Welt, um ihrem Ehemann Laurent nach Marseille zu folgen. Was zunächst wie ein gemeinsamer Aufbruch in ein neues, vielleicht sogar aufregenderes Leben erscheint, wird zunehmend zu einer Reise nach innen. Und genau diese leise Verschiebung hat mich beim Lesen besonders berührt. Denn Ariane kommt nicht einfach in Marseille an. Sie kommt irgendwann bei sich selbst an – und der Weg dorthin ist alles andere als bequem.

Verena Dahms erzählt diese Entwicklung ohne große Gesten. Gerade darin liegt für mich die Stärke dieses Romans. Die Autorin lässt vieles zwischen den Zeilen entstehen und gibt ihren Figuren den Raum, sich selbst zu entlarven. Marseille wird dabei weit mehr als eine Kulisse. Der raue Mistral, das flirrende Licht, die Farben und Gegensätze der Stadt spiegeln Arianes innere Unruhe. Zwischen dem Alten Hafen und den engen Straßen scheint auch ihr bisheriges Leben plötzlich enger zu werden. Die Stadt fordert sie geradezu heraus, die Mauern einzureißen, hinter denen sie sich so lange eingerichtet hat.

Besonders eindrucksvoll fand ich die wechselnden Perspektiven von Ariane und Laurent. Beide werden nicht einfach in Gut und Böse eingeteilt. Wir erleben ihre Gedanken, ihre Ängste, ihre Verletzlichkeit – und erkennen, wie unterschiedlich zwei Menschen dieselbe Beziehung erleben können. Ariane hat sich über Jahre hinweg in der Rolle der eleganten Ehefrau eingerichtet. Nach außen scheint alles zu stimmen. Doch während sie versucht, den Erwartungen gerecht zu werden, verliert sie immer mehr den Kontakt zu sich selbst. Ihre Sehnsucht nach Freiheit und echter Weite habe ich als sehr berührend empfunden, gerade weil sie nicht laut daherkommt. Auch Laurent ist eine Figur, hinter deren kontrollierter Fassade sich zunehmend Risse zeigen. Sein beruflicher Ehrgeiz und sein Bedürfnis nach Kontrolle schützen ihn offenbar selbst vor Ängsten und Unsicherheiten, die er lange nicht wahrhaben wollte.

Was mir an diesem Roman besonders gefallen hat: Verena Dahms urteilt nicht vorschnell. Sie nimmt ihre Leserschaft mit, lässt sie hinschauen. Und manchmal ist genau dieses Hinschauen viel unbequemer als ein klares Urteil. Auch die kunstgeschichtlichen Bezüge haben mir gefallen. Die weichen Lichter Renoirs und die brennenden Farben Van Goghs werden zu einer zusätzlichen poetischen Ebene und verbinden die äußere Welt mit der inneren Bewegung der Figuren.

Ein Gedanke aus dem Roman ist mir dabei besonders nachgegangen: „Befreiung beginnt nicht mit einem großen Schritt, sondern mit dem Mut, stehen zu bleiben.“ Für mich steckt darin sehr viel von dem, was diesen Roman ausmacht. Manchmal beginnt Veränderung nicht damit, dass wir irgendwohin gehen, sondern damit, dass wir endlich innehalten und uns fragen, wo wir selbst geblieben sind.

„Nähe ist kein Zuhause“ ist für mich deshalb nicht einfach eine Geschichte über eine Ehe oder einen Neuanfang. Es ist eine stille Seelenreise. Eine Geschichte über Anpassung, über Abhängigkeit, über die Angst vor Veränderung – aber vor allem über den Mut, sich selbst wiederzufinden.

Und vielleicht ist genau das die Frage, die dieses Buch bei mir zurückgelassen hat: Wie viel Nähe kann ein Mensch aushalten, wenn er sich selbst darin nicht mehr spürt?

Ein leiser Roman, der nicht mit großen Worten nach Aufmerksamkeit verlangt, sondern sich langsam entfaltet – und gerade deshalb noch lange nach dem letzten Satz in mir weiterklingt.

Heidelinde Penndorf

(September 2026)







⭐neue Leseempfehlung ⭐: Herabschauender Hund: Es ist nicht, wie du denkst - Jes Schön



Es gibt Bücher, die liest man. Und dann gibt es Bücher, die sich in der Seele breitmachen, sich einnisten, einiges durcheinanderbringen, die dich nicht mehr loslassen, ob des abrupten Wechsels von zauberschön zu einem psychischen und physischen Martyrium. „Herabschauender Hund“ gehört für mich genau zu diesen Büchern, denn Die Geschichte hat mich am Ende sehr nachdenklich und aufgewühlt zurückgelassen

Ich wusste durch die Triggerwarnungen, dass mich keine leichte Geschichte erwarten würde. Trotzdem war ich nicht darauf vorbereitet, wie tief mich Anna und Felix berühren würden. Das atmosphärische und isolierte Setting in den Bergen, rund um das alte, renovierungsbedürftige Forsthaus, unterstreicht Annas Einsamkeit und ihren Wunsch nach Schutz perfekt. Man spürt beim Lesen förmlich die raue Natur und die Stille, die diesen Ort umgibt und gleichzeitig Raum für die langsame Annäherung der beiden Figuren bietet. Von der ersten Seite an war spürbar, dass hinter Annas rauer und abweisender Fassade unendlich viel Schmerz steckt. Je mehr sich ihre Geschichte entfaltet hat, desto schwerer wurde mein Herz. Ich wollte sie so oft einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie all das Leid niemals verdient hat. Ihre Ängste, ihre Zweifel und ihre inneren Kämpfe wurden so authentisch beschrieben, dass ich sie in jeder einzelnen Zeile fühlen konnte.

Und dann ist da Felix ... Was für ein wundervoller Mensch. Geduldig, einfühlsam, respektvoll und voller Wärme. Er wollte Anna nie verändern oder sie retten. Er war einfach da und wirkte. Er hat ihr die Zeit gegeben, die sie brauchte, und ihr gezeigt, dass Vertrauen wachsen darf – ohne Druck und ohne Erwartungen. Genau das hat mein Herz so unglaublich berührt. Besonders gut gefallen hat mir der Wechsel zwischen den beiden Sichtweisen. Durch die wechselnden Kapitel aus Annas und Felix’ Perspektive bekam ich einen tiefen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt beider Protagonisten. Ich verstand Annas tiefsitzende Ängste genauso gut wie Felix’ Faszination und seine Geduld, mit der er versucht, ihre Mauern Stein für Stein abzubauen.

Die Autorin Jes Schön erzählt diese Geschichte mit einer unglaublichen Sensibilität. Sie beschönigt nichts und zeigt schonungslos, welche Spuren Gewalt, Missbrauch und Traumata hinterlassen können. Gleichzeitig verliert sie aber nie den Blick für das, was am Ende bleibt: Hoffnung. Hoffnung darauf, dass selbst tiefste Wunden irgendwann heilen können und dass es Menschen gibt, die einem zeigen, dass man wieder leben und lieben darf.
Ich habe beim Lesen gelächelt, gehofft, mitgefiebert und mehr als einmal mit den Tränen gekämpft. Manche Szenen haben mir regelrecht die Luft zum Atmen genommen, andere haben mein Herz Stück für Stück wieder zusammengesetzt. Genau diese Mischung aus Schmerz, Hoffnung und leisen Glücksmomenten hat dieses Buch für mich so besonders gemacht.

Sehr beeindruckt hat mich, wie authentisch die Figuren gezeichnet sind. Sie sind nicht perfekt – sie sind echt. Mit all ihren Ängsten, Fehlern und Narben. Gerade deshalb konnte ich mich ihnen so verbunden fühlen.

Für mich ist „Herabschauender Hund“ viel mehr als eine Liebesgeschichte. Es ist eine Geschichte über Vertrauen, Mut, Selbstfindung und Heilung. Darüber, dass Liebe nicht laut sein muss. Manchmal heilt sie ganz leise. Mit Geduld, Verständnis und dem Gefühl, endlich gesehen zu werden.Dieses Buch hat mich tief berührt und wird noch lange einen Platz in meinem Herzen haben. Anna und Felix werde ich so schnell nicht vergessen

Danke, liebe Jes Schön, für diese wunderschöne, schmerzhafte und gleichzeitig hoffnungsvolle Geschichte. Sie hat mich emotional vollkommen abgeholt und mir gezeigt, dass selbst nach der dunkelsten Nacht irgendwann wieder Licht erscheinen kann. Von mir gibt es eine absolute Herzens- und Leseempfehlung.

Heidelinde Penndorf

(September 2026)