Mit „Was wir einander schuldig sind“ hat Wilma Borghoff einen einfühlsamen Familienroman vorgelegt, der mich mitten ins Herz getroffen hat. Die Autorin erzählt von Verlust, Verantwortung und der manchmal leisen, aber unglaublich wichtigen Kraft von Zuwendung. Schon der erste Satz hat mich sofort in die Geschichte hineingezogen: Ein Anruf, eine erschütternde Nachricht – und das Leben einer Familie steht plötzlich Kopf.
Besonders packend ist die enorme emotionale Dynamik, die Borghoff aufbaut. Die sterbenskranke Jessica konfrontiert ihren Vater Jarik und dessen Frau Elvira mit einer Entscheidung, die keine Zeit mehr lässt und ein gewaltiges Ausmaß an Veränderungen mit sich bringt. Sehr berührt hat mich, wie die schwierige Begegnung zwischen Jarik, Elvira und der kleinen Talea erzählt wird. Die Unsicherheit, das Schweigen, die Abwehr und die Überforderung auf beiden Seiten waren beim Lesen förmlich spürbar.
Und doch zeigt der Roman, dass Familie mehr ist als nur ein Wort oder ein gemeinsames Zuhause. Familie bedeutet vor allem Haltung, Geduld, Verständnis, Liebe und den Willen, füreinander da zu sein. Diese Annäherungsprozesse spiegeln sich sogar geografisch wider: Der reizvolle Kontrast zwischen der rauen nordischen Weite Frieslands und dem rheinischen Alltag von Jarik und Elvira im Raum Köln hat mir besonders gefallen. Die Figuren tragen den Roman mit all ihren Ecken und Kanten. Elvira ist klug, praktisch und zugleich herzlich. Jarik kämpft mit seinen zwischenmenschlichen Unzulänglichkeiten, und Talea, das sturköpfige Mädchen, habe ich trotz – oder gerade wegen – ihrer Widerborstigkeit sofort ins Herz geschlossen. Auch die bereits bestehende Großfamilie von Jarik und Elvira fügt sich stimmig in die Geschichte ein.
Ein fast poetisches Element ist der immer wiederkehrende Grünspecht. Er verleiht der Handlung etwas Sanftes und Symbolisches und bleibt lange im Gedächtnis. Zusammen mit den feinen Alltagsbeobachtungen macht er den Roman zu einer ruhigen, aber tief bewegenden Lektüre. Für mich ist dies ein intensiver Roman, der lange nachwirkt. Als ich das Buch zuklappte, dachte ich tatsächlich: Davon dürfte es gerne noch einen zweiten Teil geben.
Eine Geschichte über Schmerz, Abschied und Neubeginn – erzählt mit viel Gefühl und Menschlichkeit. Und sie zeigt, wie viel wir einander wirklich schuldig sind: Mitgefühl, Aufmerksamkeit, Offenheit und Liebe. Eine absolute Leseempfehlung für alle, die berührende Familiengeschichten mit viel Herz, Tiefgang und authentischen Figuren mögen.
Heidelinde Penndorf
(Juni 2026)

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