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Sonntag, 29. März 2026

⭐neue Leseempfehlung ⭐ : Narben erinnern mich an das Erlebte, aber sie definieren nicht meine Zukunft - Dorothea Hesse-Swikle



Mit diesem Buch legt die Autorin einen Text vor, der sich bewusst klassischen Autobiografie-Erwartungen entzieht. Statt chronologischer Ordnung entsteht ein eindringlicher Mit diesem Buch legt die Autorin einen Text vor, der sich bewusst klassischen Autobiografie-Erwartungen entzieht. Statt chronologischer Ordnung entsteht ein eindringlicher Erfahrungsbericht, der zwischen Zeugnis, Anklage und Selbstvergewisserung wechselt– und dadurch eine eigene, schwer einzuordnende literarische Form gewinnt. Im Kern steht die Erzählerin im Konflikt mit Institutionen: Behörden, Gerichten, medizinisches System. Prägend ist ihr Gefühl, vom Recht nicht erfasst worden zu sein – nicht nur durch Urteile, sondern als tiefes Missverhältnis zwischen formaler Prüfung und existenzieller Erfahrung.

Die Langzeitfolgen partnerlicher Misshandlungen bleiben aus ihrer Sicht juristisch ungreifbar; Prozesse wirken wie Fortsetzung des Unverstandenseins.Formal spiegelt der Text dies: verbindenend, durchsetzt von Rückgriffen, Exkursen und Kommentaren, ohne straffe Dramaturgie. Erinnerungen grenzen an medizinische Erläuterungen, Beobachtungen an Reflexionen. Was zunächst unruhig scheint, erweist sich als konsequente Form für einen Stoff, der sich der Linearität verweigert.

Gewichtig ist die körperliche Wiedergewinnung: Ausführliche Schilderungen von Therapien, Diagnosen und Deutungsversuchen – geprägt vom Mangel an äußeren Antworten. Nahrungsergänzungsmittel als Stabilisator werden nicht triumphierend, sondern als selbstbestimmtes Suchen nach Kontrolle dargestellt.

Literarisch bleibt der Text rau, uneinheitlich, sich wiederholend – doch von hoher Dringlichkeit. Seine Stärke liegt in der Unmittelbarkeit der Innenperspektive. Wer Ausgewogenheit sucht, mag irritiert sein; wer sich einlässt, gewinnt ein eindringliches Dokument über Gewalt, Krankheit und institutioneller Erfahrung. Am Ende fehlt Auflösung oder Versöhnung mit sich selbst und der Situation – stattdessen kehrt Leben zurück: Die Autorin nimmt sich wieder richtig wahr, lebt wieder auf. Doch zur Aussöhnung ist noch ein weiter Weg.

Gern empfehle ich das Buch weiter - es ist erfahrungsreich.

Heidelinde Penndorf

(März 2026)





Donnerstag, 16. November 2023

⭐neue Leseempfehlung⭐: Sophie und Claudine: Auf Umwegen zum Glück - Verena Dahms



Eine wunderschöne tiefgehende Familiengeschichte, aufregend, bunt und mit sachten leisen Tönen erzählt. Da schwingt eine Leichtigkeit mit, die zwischendurch von einer Schwere begleitet wird, die einschneidende Lebensbrüche beschreibt, welche das Familiengeschehen beeinflusst. Und auch eine Zukunft in Aussicht stellt, die neu gedacht, neu gelernt und gelebt werden will.

Die Lebensbalance zweier Schwestern, mit unterschiedlichen Zukunftsbildern, gerät aus den Fugen. Beeindruckend die Schilderung, was Schwesternliebe vermag, wie Verlust und Trauer, das Frausein an sich und deren Gefühlswelten sich wandeln, wie die erforderliche Selbstständigkeit das Denken und das Handeln verändern und was passiert, wenn die Liebe in beider Leben tritt.

Magisch finde ich auch die Beschreibung des New York Flairs – die Gegensätze dieser einmaligen Stadt, auch die große Anziehungskraft, die von ihr ausgeht – in dieser Stadt scheint alles möglich und machbar zu sein!

Heidelinde Penndorf

(November 2023)