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Donnerstag, 27. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐Ich bin konservativ. Was sonst.: Essays wider den Zeitgeist - Markus Langemann

 



Oh Captain, my Captain – dieser ikonische Ruf steht seit jeher für den Mut, aufzustehen, wenn geistige Führung verloren geht, und für die Kraft, sich gegen die Bequemlichkeit des Mitlaufens zu stellen. In diesem Geist habe ich Markus Langemanns Essayband gelesen: als Einladung, wieder Haltung anzunehmen, Maß zu finden und meinen inneren Kompass zu schärfen, der in unserer Zeit allzu oft übertönt wird.

Das Buch versammelt rund 35 Essays, die in sprachlicher Eleganz, persönlicher Offenheit und gedanklicher Präzision zeigen, wie ein moderner Konservatismus heute verstanden werden kann. Ich habe beim Lesen oft gedacht, wie sehr Langemann es schafft, literarische Schönheit mit gesellschaftlicher Relevanz zu verbinden – und immer wieder betont er, dass die Erosion zentraler Werte nicht zufällig geschieht, sondern wesentlich durch politische und gesellschaftliche Führungsschichten beschleunigt wurde.

Langemann beschreibt eine Welt, die sich immer schneller dreht, und macht deutlich, dass Konservativsein kein Rückzug ist, sondern eine aktive Haltung, die Substanz, Verlässlichkeit und Stil bewahrt. Seine Bildsprache – die Schallplatte als Sinnbild des Innehaltens, das kleine Schwarze für verlorenes Formgefühl, die Sneaker als Zeichen entgrenzter Kultur – öffnet für mich anschauliche Zugänge und verleiht seiner Kritik eine Leichtigkeit, die dennoch nie an Tiefgang verliert.

Zugleich bleibt seine Kulturkritik nicht abstrakt: Ich habe oft nicken müssen, als Langemann zeigt, wie politische Führung und gesellschaftliche Eliten vielerorts zu Antreibern der Beliebigkeit geworden sind. Orientierung wird durch Schlagworte ersetzt, Prinzipien durch Stimmungen. Das Versagen derjenigen, die eigentlich Stabilität garantieren sollten, wird für ihn zur wesentlichen Ursache eines allgemeinen Werteverlustes. Wer an der Spitze schwankt, lässt die Gesellschaft ohne Richtung zurück – und ich spürte beim Lesen, wie dringend wir wieder klare Maßstäbe brauchen.

Doch trotz dieser Analyse bleibt seine Haltung konstruktiv. Für mich wird deutlich: Konservativität ist keine starre Verteidigung alter Formen, sondern eine „aktive Werkstatt“, in der Werte wie Freiheit, Verantwortung und Solidarität erneuert werden. Seine Essays zeigen, dass Tradition lebendig bleibt, wenn man sie nicht musealisiert, sondern in die Gegenwart hinein weiterdenkt. Ich fand diesen Ansatz überraschend modern, dialogbereit und zukunftsgewandt.

Die Spannweite seiner Texte reicht von gesellschaftlichen Beobachtungen über politische Diagnosen bis hin zu persönlichen Einsichten. Besonders berührt hat mich seine Verletzlichkeit, die zwischen den Zeilen spürbar wird: Die Sehnsucht nach Beständigkeit, Ruhe und Sinn wird nicht theoretisch diskutiert, sondern menschlich fühlbar. Ich konnte mich immer wieder darin wiederfinden, dass Werte keine abstrakten Begriffe sind, sondern innere Koordinaten unseres Lebens.

„Ich bin konservativ. Was sonst.“ ist damit weit mehr als ein politischer Kommentar. Für mich ist es ein literarisches, nachhallendes Plädoyer für Achtsamkeit und eine innere Haltung, die der Schnelllebigkeit unserer Zeit etwas entgegengesetzt. Der Band bietet Orientierung, ohne zu dogmatisieren, und schafft einen geistigen Raum, der nicht belehrt, sondern stärkt.

Am Ende bleibt mir das Gefühl, einem Autor begegnet zu sein, der in einer unübersichtlichen Welt nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit klarer Stimme und offenem Herzen spricht. Eine Stimme, die mich dazu einlädt, aufzurichten, wo andere flach geworden sind. Eine Stimme, die mich daran erinnert, dass Führung nicht Lautstärke bedeutet, sondern Integrität.

Und so spannt sich für mich ein leiser, aber kraftvoller Bogen vom ersten Satz bis zur letzten Seite: der Ruf nach einem Denken und Verhalten, das wieder Würde hat. Oh Captain, my Captain.

Sehr gern empfehle ich das Buch weiter, man sollte es gelesen haben.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)





Freitag, 21. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐AHORN FEUERHERZ - Christine Keller



Diese Geschichte hat mich ganz unmittelbar berührt – nicht nur als Leserin, sondern als Mensch. Die Autorin entführt die Leserschaft tief in die Innenwelt eines introvertierten Mädchens. Ihre enorme Sensibilität und verletzliche Empathie erinnerten mich an eigene Unsicherheiten. Besonders berührend ist die Darstellung ihrer schnellen, schmerzhaften Suche nach Selbstliebe und das Hin- und Her zwischen Verletzlichkeit und Stärke, verkörpert durch ihren imaginären Freund Cassian, der ihr Halt und Hoffnung gibt, und genau zur Hallowen-Zeit in Erscheinung tritt.

Im Hauptteil wird anschaulich beschrieben, wie schwierig es für das Mädchen ist, mit Selbstverletzungen umzugehen und in einem Umfeld aufzuwachsen, in dem die Eltern zwar körperlich präsent, aber emotional abwesend sind. Der imaginäre Freund wird als innerer Schutzraum greifbar – ein liebevoller Begleiter, der bleibt, zuhört und Mut macht. Gleichzeitig erlebt sie zarte Momente der Annäherung mit David ihrer ersten großen Liebe im Klassenverband ihres Colleges, der ihr zuletzt seine Zuneigung zeigt. Diese Begegnungen bringen kleine Lichtblicke in ihr Leben und verdeutlichen, wie sich Vertrauen und Nähe trotz Verletzlichkeit entwickeln können.

Beeindruckend ist, wie die Geschichte die Herausforderungen eines jungen Menschen schildert, der trotz Distanz und Unverständnis seinen eigenen Weg zur Selbstakzeptanz sucht. Das Buch sensibilisiert für psychische Belastungen und zeigt, wie wichtig es ist, innere Stimmen ernst zu nehmen.

Es ist ein sensibles, authentisches Porträt einer jungen Seele, das mit seiner Verletzlichkeit zugleich große Stärke zeigt. Ein stilles, tief bewegendes Plädoyer für Empathie, Selbstannahme und die Kraft innerer Begleiter – ein Buch, das lange im Nachhall bleibt.

Am Ende der Geschichte fügt die Autorin zudem Wissenswertes über den Ahorn zusammen und ergänzt die Erzählung mit passenden Rezepten. Diese zusätzlichen Informationen bereichern das Buch auf eine besondere Weise und laden die Leserschaft ein, das Gelesene im übertragenem Sinn, auch praktisch zu erleben.

Gern empfehle ich diese Urban-Fantasy-Geschichte weiter.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)












Mittwoch, 19. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Der Tod allein ist keine Frau - Carola Seeler & Heiger Ostertag

 




„Der Tod allein ist keine Frau“ ist ein Roman, der eindringlich von Identität, Macht und der Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen erzählt. Das Autorenduo verbindet eine präzise, stellenweise kühle Sprache mit atmosphärisch dichten Bildern, die lange nachwirken. Persönliche Traumata und gesellschaftliche Strukturen verweben sich zu einem Geflecht aus Schmerz, Widerstand und Sehnsucht – ohne in einfache moralische Kategorien zu verfallen.

Die Figuren sind komplex, widersprüchlich und zutiefst menschlich. Im Zentrum steht die Studentin Aische Ylmaz, die im beschaulichen Passau ihre Freundin ermordet auffindet. Dieses Ereignis zieht sie in die düsteren Seiten der kleinen Stadt hinein und führt sie an die Grenzen von Loyalität und Angst. Gemeinsam mit Kommissar Xaver Moosleitner blickt sie hinter die Fassaden religiöser und gesellschaftlicher Verbindungen, entdeckt Machtmissbrauch und andere dunkle Geheimnisse. Mit kompromissloser Selbstanalyse und verletzlicher Stärke trägt die Protagonistin durch die Geschichte, in der sich introspektive Innenschau und scharfe Realität zu einem psychologisch intensiven Panorama verweben.

Besonders eindrucksvoll ist die Frage, was Überleben bedeutet, wenn das eigene Selbstbild zerbrochen ist. Der Roman schaut ungeschönt auf die Erfahrungen von Kindern, die in Institutionen oder kirchlichen Einrichtungen Gewalt und Entwürdigung erlebt haben. Er zeigt, wie tief solche Verletzungen Identität und Geschlechtsempfinden prägen können – bis hin zur Verdrängung oder Aufspaltung des eigenen Ichs.

Auch in der studentischen Gruppe verdichten sich individuelle Brüche zu einem kollektiven Spannungsfeld. Mit Aisches Erlebnis reißt das Verdrängte wieder auf, Loyalitäten geraten ins Wanken und gesellschaftliche Fassaden beginnen zu bröckeln. Das Autorenduo zeichnet ein präzises Bild einer von Schuld, Schweigen und Machtkämpfen geprägten Gesellschaft, in der selbst privilegierte Milieus nicht frei von Verstrickungen bleiben.

„Der Tod allein ist keine Frau“ ist kein leichtes Buch – aber eines, das mutig dorthin blickt, wo viele wegsehen. Es ist ein Buch, das man nicht einfach „liest“, sondern das man eine Weile mit sich herumträgt. Es fordert, erschüttert und schenkt jene seltene Klarheit, die entsteht, wenn Literatur das Unsagbare berührt.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)







Dienstag, 11. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Das Henkerlächeln Teil II: Klarheit im Zeitalter der Auflösung - Johannes Henker



Schon allein das Vorwort der Schattenchronistin zu „Das Henkerlächeln – Klarheit im Zeitalter der Auflösung“ berührt mich tief und stimmt sehr nachdenklich, denn es beschreibt ein Buch, das mutig und unerschrocken die gesellschaftlichen Wunden offenlegt, ohne sich der Zustimmung anzubiedern.

Johannes Henker nimmt für mich eine klare Haltung ein, die sich entschieden gegen die weit verbreitete Kultur der Vermeidung und der moralischen Inszenierung richtet.

Der Autor zeigt eindrücklich, wie Anpassung, Selbstzensur und eine digital gesteuerte Empörungsökonomie unsere öffentliche Kommunikation prägen. Sprache wird dabei zunehmend verflacht durch Wohlfühlrhetorik und moralische Signale, während der Diskurs zur Bühne wird, auf der Haltungen performt und Inhalte ignoriert werden. Besonders beeindruckt mich seine These vom betreuten Konsens: Freiheit und Wahrheit verlieren durch selbstregulierte Kontrolle und ständige Selbstbeobachtung ihrer Substanz.

Trotz dieser schonungslosen Diagnose fühle ich Henker nicht als resigniert. Im Gegenteil – er fordert eine Klarheit auf, die in präziser Sprache und stiller Standhaftigkeit wurzelt. Für ihn bedeutet Widerstand vor allem die konsequente Weigerung, sich dem Sog der Beliebigkeit hinzugeben. Gerade weil das Buch keine einfachen Lösungen bietet, entfaltet es sich für mich eine nachhaltige Wirkung.

„Das Henkerlächeln“ Teil II ist für mich eine anspruchsvolle und pointierte Kritik an den Mechanismen unserer heutigen Diskurse. Es rüttelt auf, macht unbequem und fordert dazu heraus, die Realität mit ungeschönter Klarheit und Haltung zu betrachten. Dieses Buch empfehle ich allen jenen, die sich nicht mit oberflächlichen Antworten zufriedengeben, sondern eine tiefgehende Reflexion über Freiheit, Wahrheit und gesellschaftliche Dynamik suchen.

Das Buch regt dazu an, über die Bedeutung von Klarheit und Wahrheit in unserer digital geprägten Kommunikationskultur nachzudenken. Für mich ist es eine Einladung, Widerstand als stille Standhaftigkeit zu verstehen und die eigene Haltung zur Sprache kritisch zu reflektieren. Besonders nachdenklich macht mich Henkers These des „betreuten Konsenses“, die wichtigen Fragen über Freiheit, Demokratie und gesellschaftlichen Diskurs aufwirft – Fragen, die es wert sind, gerade heute immer wieder neu gestellt zu werden. Dieses Buch verdient gelesen zu werden, denn es analysiert mit bemerkenswerter Klarheit, woran unser Land erkennbar leidet.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)










Sonntag, 9. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Die Schuldigen Teil II: Herz vs. Verstand - Ava J. Thompson



Schon die ersten Seiten von Ava J. Thompsons zweitem Band haben mich gefesselt. Ich spürte sofort die Spannung, die in jeder Begegnung, jedem Blick liegt. Liebe wird hier zum Risiko, Loyalität zur Prüfung – und selbst die engsten Bindungen können retten oder zerstören. Matteo, Howard und die dazugehörigen vier Frauen stehen nicht nur vor der Frage, wie sie ihre Gefühle leben, sondern auch, wer sie innerhalb der starren Familienstrukturen wirklich sein dürfen, sein sollen.

Die Mafia erscheint mir hier nicht als glamouröses Machtspiel, sondern als archaisches System aus Erwartungen, Zwängen und unausgesprochenen Gesetzen. Jede Bindung ist eine Entscheidung, jeder Blick eine Prüfung, jede Geste eine potenzielle Schwäche:Die Ehe, die Macht sichern soll.
Die Freundschaft, die zugleich Heimat und Gefängnis ist.
Die Liebe, die nicht sein darf – und gerade deshalb nicht aufhört.
Überfälle die Leben auslöschen und physische Schäden nach sich ziehen

Thompson gibt den leisen Momenten Raum: der Sehnsucht, gesehen zu werden, der Angst, zu verlieren, was man nie ganz besitzen durfte, und dem Versuch, inmitten von Gewalt ein eigenes Herz zu bewahren. Howard ringt mit der Frage, ob Zugehörigkeit mehr bedeutet als Blutsbande – und was man dafür bereit ist aufzugeben. Seine Entwicklung zeigt, wie Loyalität zur Identität werden kann, aber auch, wie schnell Identität zur Last wird. Matteo steht zwischen Gefühl und Pflicht; sein Konflikt ist keine dramatische Explosion, sondern eine stille, bohrende Tragik: das Wissen, dass man sich selbst verliert, während man versucht, alle anderen zu schützen.

Die Frauen in dieser Geschichte sind keine Randfiguren. Ich habe bewundert, wie sie die Konsequenzen dieser Welt am unmittelbarsten spüren, tiefer lieben, härter verlieren und mehr tragen, als man ihnen zugesteht. Ihre Stärke liegt nicht in Lautstärke, sondern in Würde und manchmal sogar im Verlust der Würde und der daraus resultierenden Rache.

Thompsons Stil hat mich sofort gepackt. Prägnant, nuanciert, mit der perfekten Balance zwischen Spannungsspitzen und stillen Passagen. Rückblenden und Perspektivwechsel vertiefen die psychologische Dimension und machen jede Figur begreifbar – selbst dort, wo ich ihre Entscheidungen nicht nachvollziehen konnte.

So entsteht ein Bild der Mafia, das nicht vom Glanz lebt, sondern von Bindung, Loyalität und Liebe – die schützen, fesseln, heilen und manchmal verletzen. Herz vs. Verstand erzählt nicht vom Verbrechen, sondern von den Herzen, die darin gefangen sind. Ein Roman über Menschen, die in einem System überleben müssen, das wenig Raum zum Atmen lässt – und die gerade in diesen engen Zwischenräumen Hoffnung finden.

Durch die genial gezeichneten Familienstammbäume im Buch verdichtet sich die Geschichte auch ziemlich gegenwärtig und ich war gefühlt mitten unter den handelnden Personen.

Am stärksten hat mich der Moment getroffen, in dem die scheinbare Stabilität zerbricht. Der Überfall auf das Anwesen ist kein lauter Showmoment, sondern der Augenblick, in dem sichtbar wird, was Loyalität und Zugehörigkeit wirklich kosten: Sicherheit ist nur geliehen, Frieden immer vorläufig. Vertrauen wird fragil, Bindungen werden geprüft, und selbst die scheinbar unerschütterlichen Säulen der Familie geraten ins Wanken. Besonders die Frage, ob das Familienoberhaupt der Duartes überlebt, wirft einen Schatten über die letzten Seiten – weniger eine Frage des Körpers als eine Frage der Ordnung: Wer steht auf, wenn derjenige fällt, an den alle glauben.

Das Ende hat mich erschüttert. Nicht laut, sondern still. Ein Roman, der lange nach dem letzten Satz nachklingt und zeigt, dass Liebe und Loyalität erst dann ihre Bedeutung entfalten, wenn sie Gefahr und Prüfung standhalten – oder verlieren.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)










Dienstag, 4. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Das Henkerlächeln: Abrechnung mit einer untergehenden Gesellschaft - Johannes Henker



Johannes Henker gelingt mit „Das Henkerlächeln - eine schonungslose Abrechnung mit einer Gesellschaft“, die sich selbst in Bequemlichkeit und moralischer Selbstzufriedenheit ertränkt. Das Buch ist kein sanftes Trostpflaster, sondern ein scharfes Schlaglicht, das uns den Spiegel vorhält – der Henker vollstreckt seine Aussage ohne Erklärung, ohne Urteil, genauso unnachgiebig, wie Karl Kraus es in seinen scharfzüngigen Essays auf den Punkt gebracht hätte.

Henker nimmt uns mit durch dreizehn Kapitel, die wie Messerfiguren eines skalpellartigen Sezierens wirken: Demokratie als hohles Ritual, Bildung, die Wissen durch Haltung ersetzt, Medien, die nicht aufklären, sondern betreuen, Fortschritt, der sich nur noch in Tempo bemisst, und eine moralische Ersatzreligion, die echte Werte durch Empfindsamkeit und Konformität ersetzt. Dabei zeigt sich eine Gesellschaft in Haltung gefangen, die sich selbst lähmt und das Sprechen verlernt hat.

Was den Stil betrifft, erinnert mich Henker an Karl Kraus, nicht nur durch die sprachliche Präzision und die unbestechliche Kritik, sondern auch durch die moralische Schärfe und den Kampf gegen gesellschaftliche Heuchelei. Henker kanalisiert diese Tradition mit klarem Blick und beißender Ironie, ohne je in leichtfertigen Zynismus abzurutschen. Sein treffender Satz „Zynismus ist nur Wahrheit mit Haltungsschaden“ spiegelt dabei das ganze Dilemma unserer Zeit wider.

Für mich ist es ein kluges Buch, ein Buch, das lange nachhallt und zur Selbstreflexion zwingt. Es macht deutlich, dass nicht das System versagt, sondern wir Menschen, wenn wir uns in Bequemlichkeit und Oberflächlichkeit verlieren. Dieses Werk lädt dazu ein, sich der eigenen Rolle bewusst zu werden und den Mut zu finden, aus der Haltungslosigkeit auszubrechen.

Es ist ein wütendes, kluges und letztlich notwendiges und sehr mutiges Buch – ein literarischer Weckruf, der unbequem ist, der weh tut und nicht ignoriert werden sollte. Ich empfehle das Buch sehr gern weiter. Lesen Sie es, um zu verstehen, was in unserem Land passiert.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)







Montag, 3. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Der Wind spielt mit der Lokustür. Von den Folgen frühkindlicher Verlassenheit - Carola Hoffmann



Carola Hoffmanns Roman „Der Wind spielt mit der Lokustür“, erschienen 2005, lässt in klarer, unbeirrter Sprache das Heimkind Michael selbst zu Wort kommen. Seine Stimme trägt das Buch – unverstellt, klug und manchmal schutzlos – und offenbart ein tiefes Bedürfnis nach Vertrauen, Wärme und Verlässlichkeit, das er teilweise beim stillen Holzschnitzer Kalle findet. Doch die Erwachsenenwelt reagiert mit Misstrauen und Ordnungseifer, was letztlich in Michaels Rückkehr in ein Heim für „Schwererziehbare“ mündet – ein Wort, das die Intoleranz gegenüber Andersartigkeit offenbart.

Das Buch zeigt wiederholt das Motiv des „unbequemen Kindes“, das durch seine Andersartigkeit stört und daher ruhiggestellt werden soll. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählung und offenbart die Härte der Erziehungssysteme gegenüber individueller Verletzlichkeit.

Hoffmann zeichnet Michaels kindliche Sicht mit feinem Humor und großer Wahrhaftigkeit. Seine Beobachtung, dass Erwachsene Akten „als Haltbügel benutzen, wenn sie nicht weiterwissen“, vermittelt den Schmerz eines Kindes, das oft mehr sieht als die Erwachsenen.

Neben der Geschichte eines Heimkindes ist das Buch ein literarischer Blick in die Tiefenschichten menschlicher Verletzlichkeit und ein leises Plädoyer, zuzuhören, bevor man urteilt. Fachlich betrachtet greift es das Thema der „frühkindlichen Verlassenheit“ auf, eine Erfahrung, die das Leben prägt, auch wenn sie längst sprachlos geworden ist.

Dieses stille, eindringliche Buch wird durch Michaels unverwechselbare Stimme zu einem Werk, das lange nachhallt. Es wurde im Jahr 2005 verlegt und bleibt eine bedeutende literarische Auseinandersetzung mit emotionaler Verwundbarkeit und gesellschaftlichem Unverständnis. Sehr gern empfehle ich das Buch weiter.

Heidelinde Penndorf

(November 2025)






Sonntag, 2. November 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Frau Emilia und die Detektivin 2: Wintergeschichten aus Kleinsonnendorf - Sabine Schumacher



Mit großer Vorfreude habe ich erneut den Weg nach Kleinsonnendorf gefunden – jenen kleinen literarischen Zufluchtsort, der mich schon beim ersten Band bezaubert hat. Auch dieses Mal gelingt es Sabine Schumacher, Leichtigkeit, Humor und emotionale Tiefe auf wunderbare Weise zu vereinen. Ihre Erzählkunst wärmt das Herz, ohne jemals ins Sentimentale abzurutschen.

Die drei miteinander verwobenen Geschichten fügen sich zu einem stimmungsvollen Ganzen. Kleinsonnendorf im Winter – ein wahres Lesevergnügen: liebevoll gezeichnet, atmosphärisch dicht und voller lebendiger Figuren. Man spürt in jeder Zeile, wie sehr die Autorin ihr kleines literarisches Dorf liebt. Doch auch hier ist nicht alles eitel Sonnenschein: mysteriöse Fallen im Wald, ein ambitioniertes Weihnachtsmarktprojekt, eine zarte Romanze, Geschwisterliebe, eine ungewisse Reise, ein beinahe gescheitertes Fest und ein charmanter Gigolo bringen Spannung und Bewegung ins winterliche Dorfleben.

Im Fokus stehen Freundschaft, Zusammenhalt und gegenseitige Hilfsbereitschaft – Themen, die sich behutsam in die Erzählungen einfügen und jeder Episode ihren eigenen emotionalen Klang verleihen.

Lady Emilia und ihre Freundin, Privatdetektivin Lena, zeigen Herz, Scharfsinn und Humor – und beweisen einmal mehr, dass Mitgefühl und Loyalität jede Krise überstrahlen können. Diese Geschichten sind kleine Wohlfühlauszeiten: warmherzig, fein erzählt und getragen von jener stillen Heiterkeit, die man an langen Winterabenden so sehr schätzt.

Sabine Schumacher besitzt die besondere Gabe, mit wenigen Worten ganze Bilderwelten entstehen zu lassen. Schon nach kurzer Zeit sieht man Kleinsonnendorf förmlich vor sich, als blättere man durch ein lebendiges Fotoalbum – jede Gasse, jedes Gesicht liebevoll und klar gezeichnet. Ihr Stil ist elegant, wortgewandt und voller feiner Zwischentöne, die beim Lesen unweigerlich ein Lächeln hervorrufen.

Fazit: Gern empfehle ich der Leserschaft das Buch weiter.

Drei Wintergeschichten voller Charme, Herz und Menschlichkeit – Erzählungen über Freundschaft, Zusammenhalt und den kleinen Zauber des Alltags. Sabine Schumacher hat mich erneut begeistert: Cozy Crime in seiner anmutigsten Form. Wer den ersten Band mochte, wird diesen lieben. Und wer neu nach Kleinsonnendorf reist, findet hier den schönsten Einstieg in eine warmherzige literarische Welt.

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)






Freitag, 24. Oktober 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Sonnen und Kometen: Erzählungen - Max Schatz



Es gibt Bücher, die nicht laut sprechen, sondern leise leuchten, so wie dieses Buch. In diesen Erzählungen fühle ich als Leserin die zwischenmenschliche Nähe und gleichzeitig Fremdheit, Licht und Schatten, und auch die feinen Risse des Menschseins. Die Figuren, meist Menschen mit russlanddeutschem Hintergrund, tragen die Spuren historischer Umbrüche in sich. Sie bewegen sich zwischen Herkunft und Ankunft, zwischen Erinnerung und Zukunft, oft am Rand der Gesellschaft und doch mitten im Leben. Nie ganz angekommen, nie ganz fort. In den Geschichten spiegelt sich das 20. Jahrhundert, in ihren Träumen das stille Ringen um Zugehörigkeit. Schatz schaut sie nicht von oben herab, sondern von innen her: mit einer Empathie, die uns Leser zu Zeugen ihrer stillen Kämpfe macht. Ihre Lebensentwürfe sind zerbrechlich, ihre Hoffnungen tastend – und gerade darin liegt ihre stille Kraft.

Sonnen und Kometen erzählt von Verlust, Hoffnung, Identität, vom zähen Ringen um einen Ort im Leben. Doch die Geschichten verweigern jede einfache Deutung. Sie sind Momentaufnahmen des Daseins, fragile Gebilde aus Schweigen, Erinnerung und Sehnsucht.

Max Schatz gelingt es, der Leserschaft im engen Raum der Kurzgeschichte Welten zu öffnen. Seine Sprache ist direkt, von Bildern getragen, die nachhallen. Mit feiner Beobachtungsgabe verdichtet er im kleinen Format der Kurzgeschichte große Themen: Verlust und Neubeginn, Identität, Fremdheit, das beharrliche Suchen nach einem Ort, den man Heimat nennen kann. Seine Prosa ist von einer klaren Wahrheit, die nichts beschönigt und doch immer einen Funken Licht bewahrt – das kleine, unbeirrbare Leuchten menschlicher Würde.

Ein Buch, das emotional bewegt und zum Nachdenken über das Menschsein anregt. Ich empfehle das Buch sehr gern weiter. Es ist eines, welches nicht einfach gelesen, sondern erlebt wird: still, berührend, nachwirkend.

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)








Mittwoch, 22. Oktober 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐Im Bann des Vaterlandes: Der Algorithmus des Widerstands - Kevin Riemer-Schadendorf



Es gibt Romane, die nicht nur erzählen, sondern warnen. Kevin Riemer-Schadendorfs Im Bann des Vaterlandes gehört zu ihnen. Der Autor formuliert keine ferne Zukunftsvision, sondern eine konsequent zu Ende gedachte Gegenwart – eine Gesellschaft, in der künstliche Intelligenz längst über Wahrheit, Meinung und Moral bestimmt. Was bleibt, ist ein bedrückend plausibles Bild der Selbstabschaffung demokratischer Werte.

Im Mittelpunkt steht Micha Rebesky, Journalist einer zunehmend gleichgeschalteten Zeitung. Er erlebt, wie KI-basierte Systeme öffentliche Debatten steuern, Texte umschreiben und Opposition unsichtbar machen. Rebeskys Entschluss, unter Pseudonym Widerstand zu leisten, wird zum Kern einer Handlung, die zwischen politischem Thriller und moralischem Gleichnis changiert. Der Autor zeigt dabei eindrucksvoll, wie Zivilcourage selbst in digitaler Dichte leise überleben kann.

Riemer-Schadendorf schreibt mit journalistischer Klarheit und literarischer Feinheit. Seine Sprache ist präzise, manchmal fast dokumentarisch, und gewinnt gerade daraus ihre poetische Tiefe. Details wie das KI-Überwachungssystem SKALV oder die stillen Akte der Revolte wirken erschreckend vertraut – so sehr, dass man das Buch kaum als reine Fiktion lesen kann. Der Roman steht in der Tradition von Orwell und Bradbury, ohne sie zu kopieren: Er übersetzt die Mechanismen der Kontrolle in das digitale Zeitalter.

Besonders stark ist Im Bann des Vaterlandes dort, wo es das Politische mit dem Persönlichen verschränkt. Micha Rebeskys Blick bleibt menschlich – zweifelnd, verletzlich, mutig. Er macht erfahrbar, wie aus technischer Überlegenheit moralische Schwäche wird, wenn Gesellschaft Verantwortung an Systeme delegiert.

Dieses Buch ist ein literarischer Weckruf. Es fordert auf, genauer hinzusehen – auf Sprache, Medien, Machtverhältnisse. Demokratie, deutet der Autor an, stirbt nicht spektakulär, sondern leise, in Routinen und Bequemlichkeit. Ein Roman, der bewegt, beunruhigt und zum Denken zwingt – hochaktuell, klug komponiert und eindringlich geschrieben.

Sehr gern empfehle ich dieses Buch der Leserschaft weiter.

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)








Montag, 13. Oktober 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐Miesepeter, Muscheln & Mord: Ein Fall für Moewe & Fish - Jörg Piesker



Salzig, schillernd, schräg – ein Lesevergnügen der besonderen Art

In „Miesepeter, Muscheln & Mord“ bin ich eingetaucht in eine charmante Ostsee-Welt, die mich sofort mit eigenwilligen Figuren und einem ganz eigenen Erzählton eingefangen hat. Was diesen Cosy Crime so besonders macht, ist das ständige Dazwischenfunken von Vadder und seinem Alpaka – kaum glaube ich, einen klaren Gedanken zu fassen, kommt schon die nächste schräge Szene und wirbelt alles durcheinander.

Die Ermittlungen rund um den Mord im Edel-Restaurant sind spannend und überraschend verschlungen. Verdächtige gibt es zuhauf, und ich habe während des Lesens mehr als einmal meinen Verdacht gewechselt – um am Ende doch völlig überrascht zu werden, wer tatsächlich hinter dem Verbrechen steckt.

Manchmal geriet die Fülle der Verwicklungen fast außer Kontrolle: Zwischen Küchenchaos, Influencer-Allüren und den absurden Nachbarn verlor ich kurz den Überblick. Doch genau diese überbordende Verspieltheit macht den Reiz des Buches aus. Es ist keine seichte Urlaubslektüre, sondern eine vergnügliche Herausforderung für Leserinnen und Leser, die Lust auf Verwirrung, Witz und skurrile Wendungen haben.

Die Figuren sind zum Schmunzeln und Staunen, der Stil ist so eigenwillig, dass ich mich immer wieder dabei ertappte, wie ich schmunzelnd oder kopfschüttelnd weiterblätterte. „Miesepeter, Muscheln & Mord“ ist eine gelungene Mischung aus Wohlfühl-Krimi und kauzigem Lokalkolorit – eine Leseerfahrung voller Überraschungen, bei der man nie so recht weiß, was als Nächstes passiert.

Unterm Strich vergebe ich vier von fünf Muscheln – aus vollem Herzen für einen Krimi, der so salzig und schillernd ist wie die Ostsee selbst,

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)








Donnerstag, 9. Oktober 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ über(s)leben Lyrikmomente & Kalligrafien - Prof. Monika Mayer-Pavlidis



„über(s)leben – Lyrikmomente & Kalligrafien“ von Prof. Monika Mayer-Pavlidis ist eine außergewöhnliche Kombination aus zeitgenössischer Lyrik und kunstvoller Kalligrafie, die den Leser auf eine tiefgehende poetische Reise mitnimmt. Mit feinfühliger Leichtigkeit verbindet die Autorin moderne, kraftvolle Gedichte mit den kunstvollen Linien von Renate Welte. Diese Symbiose aus Wort und Bild schafft eine ästhetische Erfahrung, die das Herz berührt und die Sinne anspricht.

Der Text lässt die Leser die Leichtigkeit in den Momenten ebenso spüren wie die Schwere des Seins – ein Balanceakt, der durch die harmonische Setzweise der Zeilen unterstrichen wird. Der Band beeindruckt durch seine klare Sprache, die sowohl berührt als auch zum Nachdenken anregt. Die kunstvollen Kalligrafien ergänzen die Texte perfekt und vertiefen das poetische Erlebnis, wodurch das Buch zu einem besonderen Schatz für jene wird, die das Leben in seiner ganzen Tiefe erkunden wollen.

Monika Mayer-Pavlidis gelingt es, in diesem kleinen, aber feinen Werk existenzielle Themen mit sensibler Poesie und visueller Kunst zu verbinden – eine Einladung, innezuhalten und das Leben in all seinen Facetten zu fühlen. Ein echter Schatz, der in seiner poetischen Kraft bleibt, den ich sehr gern weiter empfehle.

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)









Mittwoch, 1. Oktober 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Mittwoch um drei - Gert Richter



Professor David leidet unter der Eintönigkeit seiner langjährigen Ehe. In der Therapeutin Julia findet er neue Nähe, doch diese Gefühle stürzen seine Frau Alice in Schmerz und Resignation. Eine zentrale und vom Autor bewusst betonte Rolle nimmt Davids Beziehung zu seiner Hündin Lea ein. Die innigen Gespräche mit ihr gehen weit über gewöhnliche Verständigung hinaus und wirken wie eine berührende Meditation über Kommunikation, Verlust und das, was im Zwischenraum von Beziehungen wirklich zählt. Der Hund wird so zu einer stillen Zeugin, ja fast Therapeutin, und zugleich zu einer kraftvollen Metapher für Vertrauen, Offenheit und existentielle Verbundenheit.

Besonders faszinierend ist die poetische und dennoch klare Sprache, mit der der Autor die Nuancen von Bindung und Resonanz einfängt. Die authentische Darstellung des Wissenschaftsbetriebs und des privaten Umfelds bildet einen spannenden Rahmen, der die inneren Konflikte noch deutlicher hervortreten lässt. Sprachliche Bilder wie „kalter Leim“ oder „kalter Rauch“ transportieren eindringlich die Unausweichlichkeit von Zerfall und Veränderung.

Der Text verlangt der Leserschaft jedoch einiges ab: Längere Passagen voller Reflexionen und Monologe können die Spannung mindern, und die oft düstere Sicht auf Beziehungen bietet nur wenige versöhnliche Momente. Doch gerade diese Mischung aus psychologischer Tiefe, literarischer Eleganz und existenzieller Schwere macht den Roman zu einer besonderen Erfahrung.

Fazit: „Mittwoch um drei“ ist keine bloße Geschichte über Untreue, sondern ein tiefgründiges Werk über Liebe, Identität und die Fragilität von Bindungen. Die Beziehung zu Hündin Lea verleiht dem Roman eine einzigartige Dimension und macht ihn zu einer intensiven, nachdenklich stimmenden Lektüre jenseits von Klischees. Die Erzählung ist insgesamt eine literarische Studie über Liebe, Bindung und Identität.

Heidelinde Penndorf

(Oktober 2025)







Samstag, 27. September 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Heartsteps – Zwischen Schmerz und Hoffnung - Jes Schön



Jes Schöns Roman „Heartsteps – Zwischen Schmerz und Hoffnung“ berührt tief und hinterlässt langen Nachhall. Die autobiografisch geprägte Geschichte erzählt ehrlich und lebensnah von Verlust, Krankheit, Behinderung und der leisen Kraft der Hoffnung.

Im Mittelpunkt steht Noëlie, deren Leben nach einem Unfall und dem Tod ihres Bruders aus den Fugen gerät. Ihr Bruder stirbt nicht plötzlich, sondern nach langer, schmerzhafter Krankheit – eine Zeit voller Angst, Hoffnung und Hilflosigkeit. Sein Tod hinterlässt eine schmerzliche Lücke und eine Stimme, die Noëlie nicht mehr loslässt. Diese innere Stimme, mal schmerzlich, mal tröstend, mal aufrüttelnd, steht für Erinnerung und Verlust, aber auch für Mut und den Wunsch, nicht aufzugeben. Sie wird zum Antrieb, der Noëlie – trotz Handicap, Trauer und Selbstzweifeln – Schritt für Schritt weitermachen lässt.

Noëlie zieht sich in ihr kleines Nähcafé zurück – ihren letzten Rückzugsort. Zwischen Rollstuhl, einem Gesundheitssystem, das seelische Wunden übersieht, und einem Alltag, in dem die Versorgung mit Hilfsmitteln oft zur Hürde wird, droht sie in Einsamkeit zu versinken. Sie fühlt sich vergessen – von der Gesellschaft, aber auch von sich selbst.

Dann tritt Henrik in ihr Leben: ein Adrenalinjunkie, der durch Zufall in Noëlies Welt landet. Zwischen den beiden entsteht eine Verbindung, die keine großen Worte braucht – getragen von Respekt, echter Nähe und dem Mut, alte Schutzmauern fallen zu lassen. Henrik sieht nicht das „Handicap“, sondern den Menschen.

Ein Gefühlschaos wirft Noëlie aus der Bahn. Sie muss sich erst ganz verlieren, bevor sie sich wieder erlaubt zu lieben.

Jes Schön erzählt diesen inneren und äußeren Weg mit großer Sensibilität und Tiefe. Verlust, Krankheit und das Ringen um Selbstannahme werden so authentisch beschrieben, dass spürbar eigene Erfahrungen einfließen. Die Szenen wirken ungeschönt und ehrlich – gerade dadurch so kraftvoll.

Zugleich übt der Roman leise, aber unüberhörbare Kritik: Die fehlende psychische Unterstützung im Gesundheitssystem, die Hürden bei der Hilfsmittelversorgung und die gesellschaftliche Unsichtbarkeit von Menschen mit Behinderung sind Themen, die Jes Schön anspricht.

„Heartsteps“ ist weit mehr als eine Liebesgeschichte. Es ist ein leiser, kraftvoller Roman über Trauer, Heilung und den Mut, sich trotz aller Zweifel erneut für das Leben zu entscheiden. Ein Buch, das Hoffnung schenkt – besonders jenen, die glauben, ihr Recht auf Glück verloren zu haben.

Heidelinde Penndorf

(September 2025)







Dienstag, 23. September 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ EDEN: Die erstaunliche Reise des Owen Doyle - Marvin Roth



Das Buch ist mehr als ein Thriller – es ist eine berührende Reise in die Tiefe unserer Seele. Diese Geschichte hat mich tief berührt und in eine Welt geführt, die weit über die Grenzen eines gewöhnlichen Thrillers hinausgeht. Was zunächst wie ein klassisches Krimi-Setting in New York beginnt, entfaltet sich bald zu einer vielschichtigen Reise, die mich selbst zum Nachdenken gebracht hat.

Owen Doyle, der Ermittler, wird nach einer schweren Verletzung in eine Realität katapultiert, die zugleich surreal und erschreckend real wirkt. Eden ist kein gewöhnlicher Ort – vielmehr ist es ein Spiegel menschlicher Sehnsüchte, innerer Fragen und Kämpfe. Hier nimmt der uralte Konflikt zwischen Gut und Böse Gestalt an, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen der dunklen Seite der Macht und einer unerwartet aufleuchtenden Menschlichkeit.

Am meisten haben mich die stilleren, nach innen gerichteten Momente berührt: die Fragen nach dem Leben nach dem Tod, nach der Seele, die weiterlebt, nach dem Sinn unseres Daseins. Eden öffnet Zwischenräume, in denen man Seelen spürt, die zwischen Tod und Leben verweilen. Genau dort liegt für mich die eigentliche Stärke dieses Buches – in der berührenden Auseinandersetzung mit dem, wonach wir Menschen uns sehnen: nach Frieden, Liebe und einem heilen Miteinander.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte auf, wie zerbrechlich wir sind, wie sehr wir mit unseren Schwächen ringen, und dass es immer auch um die Entscheidungen geht, die wir treffen – für uns selbst und miteinander.

Der Stil von Marvin Roth ist kraftvoll und bildreich. Seine Metaphern entfalten eine Tiefe, die bis unter die Haut geht. Immer wieder hat sich beim Lesen dieses Gefühl eingestellt, einer modernen Sage zu begegnen – fast wie in den alten Erzählungen um Siegfried. Ein großes Drama aus Schmerz, Kampf, Verzweiflung und doch von einem Hoffnungsschimmer getragen, der durch jede noch so dunkle Szene dringt.

Für mich ist „Eden“ weit mehr als ein Roman voller Spannung. Es ist eine Geschichte, die unsere Wirklichkeit berührt, unsere Verletzlichkeit zeigt und dennoch ein Hoffnungslicht entzündet. Ein Buch, das nachhallt – voller Gänsehaut, voller Emotion, und eines, welches ich unbedingt weiterempfehlen möchte.

Heidelinde Penndorf

(September 2025)









Donnerstag, 11. September 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Dr. Junkie - Berlin im Rausch: Band 4-6 - Stefan Schweizer



Stefan Schweizer bleibt mit den Folgeband seiner Reihe ››Dr. Junkie – Berlin im Rausch‹‹ seiner Linie treu: Schonungslos, eindringlich und gleichzeitig hochspannend schildert er den weiteren Weg von Dr. Paul Straff. Während in den ersten drei Teilen der Absturz des Hausarztes im Mittelpunkt stand, setzen die neuen Bände genau dort an, wo ich als Lesende mit dem Ende des dritten Teils schmerzvoll zurückgelassen wurde – mit der Frage: Kann es für Paul noch einen Ausweg geben?

Der Autor bewahrt auch diesmal seinen präzisen, sezierenden Blick. Er zeigt erneut, wie zerbrechlich die Fassade einer vermeintlich normalen gehobenen Mittelklassefamilie ist und welche Dynamik entsteht, wenn Drogen, Leistungsdruck, gesellschaftliche Erwartungen und ein ungestilltes inneres Vakuum aufeinandertreffen. Die Illusion vom Familienglück zerrinnt, wobei seine Frau durch ihren übersteigerten fanatischen Glauben, ihren Standesdünkel und auch ihre jahrelange sexuelle Verweigerung ihrerseits erheblich dazu beiträgt.

Mitten im Behandlungszimmer von Dr. Straff kommen Opioide ins Spiel – fast unabsichtlich, aber mit gewaltigen Folgen. Schmerzhaft realistisch beschreibt Schweizer, wie eine Tablette zur nächsten führt und wie schnell der Sog unausweichlich wird.

Besonders berührend war für mich Band 5, der stellenweise schwer auszuhalten ist. Pauls verzweifelter Versuch, mit Cannabis oder Lachgas den Entzug zu überlisten, macht schmerzlich deutlich, dass er zwischen Selbstbetrug und Selbstzerstörung pendelt, während die Familie gleichzeitig auseinanderbricht. Selten hat mich eine Geschichte in diesem Genre so emotional gepackt – selten sind mir beim Lesen wirklich Tränen gekommen.

Neben Paul bleibt die pubertierende Tochter Hygieia im Gedächtnis. Sie wächst zunehmend zur eigentlichen Heldin der Reihe heran: ehrlich, rebellisch, tragikomisch in ihren Versuchen, erwachsen zu werden, und zugleich die Einzige, die die Kraft findet, sich auf die Suche nach ihrem Vater zu machen. Ihre Begegnung mit ihm in Berlin-Charlottenburg ist ein literarischer Schlag in die Magengrube – ein Moment, der alles zerbrechen lässt und dennoch Hoffnung aufblicken lässt.

Schweizer gelingt es meisterhaft, ein Wechselspiel aus Tempo und Stille, aus Spannung und Emotionalität zu schaffen. Die Dialoge sind von bedrückender Echtheit, die Figuren so nachvollziehbar gezeichnet, dass sie mir nach diesen sechs Teilen oft schmerzhaft vertraut vorkommen.

Für mich ist die Reihe spätestens mit den Bänden 4 bis 6 weit mehr als nur eine fiktive Geschichte über Drogenmissbrauch. Es ist ein Gesellschaftsroman, der aktuelle Brüche beleuchtet, einen dunklen Draufblick unserer Gesellschaft ermöglicht, vor dem viele, auch die Politiker die Augen verschließen. Das Buch lässt mich und als Leserin mit der Frage zurücklässt: Wie viel Halt haben wir wirklich im Leben – und was passiert, wenn dieser wegbricht?

Ich bleibe fassungslos, erschüttert und gleichzeitig gespannt auf alles, was noch kommt. Dr. Junkie – Berlin im Rausch ist längst verfilmungsreif – und jede Seite wert, gelesen zu werden.

Heidelinde Penndorf

(September 2025)








Donnerstag, 4. September 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Maria & Yasemin: Die Feuer von Teheran – Markus Majowski & Nicolai Tegeler



Maria und Yasemin haben mich von den ersten Seiten an in ihre Geschichte gezogen und keinen Ausweg gelassen. Seite um Seite bin ich vorsichtig vorangeschritten. Die Erzählung ist ein emotionales Pulverfass, das gleichermaßen beängstigend und beeindruckend ist. Ich begab mich auf eine Reise durch eine unbekannte Umgebung, die von einem komplexen Gefühlsmix geprägt ist, der wie versteckte Tretminen unvermittelt explodiert.

Wut, Angst, Respekt, Mitleid, Verständnis, Mut, Hilflosigkeit, Verachtung und mehr wechseln sich ab. Schwäche wird zur Stärke und umgekehrt. Menschen, selbst ehemalige Verbündete, werden zu Opfern. Man sucht verzweifelt nach Menschlichkeit in einem System, das Menschen als Kollateralschaden betrachtet. Doch es gibt in dieser Geschichte auch Liebe, Vertrauen, Hoffnung und Zusammengehörigkeit.

Die Erkenntnis, dass Yasemin und viele andere durch ihre Vergangenheit kaum eine Wahl hatten, so zu werden, wie sie sind, ist schmerzhaft und schockierend. Yasemins Fassade aus Kälte und Härte war ihre Überlebensstrategie, und es ist mutig von ihr, Marias Nähe zuzulassen, die kleine Risse in ihrer Mauer hinterlässt – ein wichtiger, wenn auch winziger Hoffnungsschimmer.

Während des Lesens setzte ich mich mit einer Glaubens-Thematik auseinander, die ich zuvor nur oberflächlich wahrnahm. Es scheint alles hoffnungslos, als könnten eigene Gedanken und Taten nichts bewirken, doch genau diese Hoffnung darf nie verloren gehen. Das Buch fordert dazu auf, die eigenen Sichtweisen zu hinterfragen und die Komfortzone zu verlassen, um die feinen Nuancen zu erkennen. Es hilft, die schrecklichen Taten und Gedanken besser zu verstehen, auch wenn sie nicht erträglicher werden.

Die Geschichte ist von zwei Autoren so eindrucksvoll erzählt, dass sie tief unter die Haut geht. Das Buch tut weh, reißt Wunden auf und weigert sich, sie zu schließen. Es vermittelt keine einfachen Lösungen, sondern zeigt, wie kompliziert Wahrheit, Liebe und Widerstand in einer zerrissenen Welt sind. Am Ende bleibt keine einfache Quintessenz, sondern ein Nachhall, der lange nachklingt – und genau das macht die größte Stärke dieses Romans aus: Er lässt nicht los und fordert Haltung und Nachdenken, das Literatur genauso sein sollte, wenn es um ernste Themen geht.

Zwei so verschiedene Frauen, Maria zwischen Religion und Freiheitsdrang, Yasemin als toughe Maklerin mit düsterem Geheimnis, treffen in einem zerrissenen Berlin aufeinander. Ihre Verbindung bringt nicht nur ihr eigenes Leben, sondern ein ganzes System ins Wanken. Parallel dazu deckt der Journalist Amir Nouri eine gefährliche Verschwörung auf, die tief in radikale Netzwerke führt. Das Buch behandelt Schuld, Vergebung, Liebe und den Mut, dem Licht zu folgen, selbst wenn alles zu brennen scheint.

Dabei werden auch aktuelle und schwierige Themen angesprochen, wie den Widerstand junger Frauen im Iran, die Unterdrückung der Frauen, die nicht in der Religion, sondern in politischer Macht begründet ist, und die Verzerrung von Begriffen wie Dschihad.

Das Buch beleuchtet, wie der Iran seine Macht mit Unterwanderung und der Indoktrination junger Menschen bewahrt, die in Europa in Machtpositionen eingeschleust werden. Dabei geht es auch um Umerziehungslager, Gewalt und die Kraft der Liebe zwischen zwei Welten, Glaubenskonflikte, Selbsthass und Selbstaufgabe.

Der Roman ist ein intensives Erlebnis, das tief berührt, zum Nachdenken anregt und die Sicht auf die Welt erweitert. Es ist eine Geschichte von inneren Kämpfen bis zur Selbstaufgabe, die letztlich Hoffnung schenkt. Dieses Buch ist keine einfache Lektüre, aber eine, welche die Wunden unserer Zeit offenlegt, ohne vor der Härte zurückzuschrecken. Es ist ein Leseerlebnis, das sich niemand entgehen lassen sollte.

Heidelinde Penndorf

(September 2025)








Samstag, 30. August 2025

⭐neue Leseempfehlung:⭐Erik im Land der Drachen: Fantastik-Kinder-Roman - Andrea Tillmanns



Schon nach den ersten Seiten war ich beeindruckt, wie sensibel Andrea Tillmanns das Thema Anderssein in eine fantasievolle Geschichte verwebt. Erik, der Hauptfigur, spürt man sofort seine Verletzlichkeit an – die Einsamkeit, das Gefühl, nicht dazuzugehören. Gerade weil solche Erfahrungen vielen Kindern nicht fremd sind, wirkt die Geschichte von Anfang an nah und authentisch.

Besonders berührt hat mich, wie geschickt Realität und Fantasie ineinandergreifen. Das alte Märchenbuch wird für Erik zum Tor in eine fremde Welt voller Wunder und Abenteuer – und zugleich zum Spiegel seiner inneren Wünsche. Die Begegnungen mit den fantastischen Wesen, die Kämpfe gegen den tyrannischen Herrscher, die Suche nach der „Quelle der Hoffnung“: All das liest sich spannend, doch es geht stets auch um etwas Tieferes.

Die „Quelle der Hoffnung“ wird dabei zum zentralen Bild. Sie steht nicht nur für Magie, sondern auch für Eriks Sehnsucht nach Heilung und Selbstvertrauen. Hier liegt die große Stärke des Buches: Es zeigt Kindern, dass Anderssein Teil der eigenen Einzigartigkeit ist – etwas, das Kraft geben kann, statt zu belasten.

Tillmanns verknüpft eine spannende Abenteuergeschichte mit einer ermutigenden Botschaft. Mut, Freundschaft und Zusammenhalt ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung und laden junge Leserinnen und Leser ein, Vertrauen in die eigene Stärke zu entwickeln. Gleichzeitig öffnet das Buch den Blick für Empathie und Toleranz – Werte, die heute wichtiger sind denn je.

Fazit: „Erik im Land der Drachen“ ist weit mehr als ein phantasievolles Kinderbuch – es ist ein Mutmacher, der Kindern zeigt, wie Geschichten Hoffnung schenken und Selbstbewusstsein wachsen lassen können.

Eine klare Empfehlung: Ideal zum Vor- und Selberlesen ab etwa 8 Jahren. Besonders wertvoll für Kinder, die sich manchmal „anders“ fühlen, und ebenso bereichernd für alle jungen Leserinnen und Leser, die erfahren möchten, was Freundschaft, Mut und Toleranz bedeuten.

Heidelinde Penndorf

(August 2025)