Matthias Härtels Buch „Die Geschichte eines Fotos“ ist ein eindringliches Stück gelebter DDR-Geschichte. Was mit der scheinbar unspektakulären Szene eines Familienfotos beginnt, entfaltet sich nach und nach zu einem vielschichtigen Panorama von Kindheit, sozialem Aufstieg, Widerstand, Haft und schließlich Ausreise. Der Text ist zugleich Erinnerung, Anklage und eine Liebeserklärung an eine Familie, die sich von keinem System brechen ließ.
Ausgangspunkt ist ein Foto aus dem Frühjahr 1984: der letzte Abend in der DDR. Die Eltern, der nichtsahnende kleine Bruder, der Sohn mit einem Kloß im Hals – und eine Zukunft, die buchstäblich an der Türschwelle auseinanderbricht. Von diesem Bild aus blickt Härtel zurück auf sein Leben: auf kalte Erzgebirgswinter, das Heizen des Ofens mit fünf Jahren, dunkle Kindergartenwege und eine „schöne Kindheit“ ohne Komfort, aber voller Nähe und Selbstverständlichkeit.
Die Perspektive bleibt konsequent subjektiv – und gewinnt gerade daraus ihre Stärke. Hier schreibt kein Historiker, sondern ein Zeitzeuge, der die DDR als widersprüchlichen Raum aus Geborgenheit und Diktatur, Ferienlagerglück und Stasi-Angst erinnert.
Härtel verfügt über eine große erzählerische Präsenz. Szenen werden nicht referiert, sondern sinnlich erfahrbar gemacht: das Bullern des Kachelofens, der Geschmack von Muckefuck und Speckfettbrot, der Geruch der neuen Schultasche oder der Lärm eines Ferienlagers. Seine besondere Stärke liegt im Anekdotischen. Er erzählt nicht abstrakt „über die DDR“, sondern vom Hausbau am Wochenende, vom Typus des „Jägers und Sammlers“ an der Fleischtheke, von Sonderkontingenten im Ferienlager oder vom legendären DJ Ulli mit West-Anlage und Ost-Schickeria.
Immer wieder blitzt ein lakonischer Humor auf, der die Härten nicht beschönigt, aber erträglicher macht – etwa wenn Härtel schildert, wie er im Jugendtheater seine Desdemona viel zu früh „erdolcht“ oder wie der Trabant mit acht Zementsäcken im Kofferraum in die Knie geht. Immer wieder finden sich in dieser Lebensgeschichte Absätze, in denen der Humor die ernste Tiefe belebt und auflockert. Das macht das Ganze besonders rund.
Politisch bleibt Härtel dabei kompromisslos: Die DDR war für ihn – trotz subjektiv glücklicher Kindheit – eine Diktatur geprägt von Überwachung, Denunziation und politischer Haft. Besonders eindrücklich sind die Passagen über den Großonkel Willi, einen kommunistischen KZ-Überlebenden, der in der SED-Parteizentrale sein Parteibuch zerreißt und den Funktionären entgegenschleudert. Diese Szene gehört zu den stärksten des Buches, weil sie Ideologiekritik aus der eigenen Biografie heraus entwickelt, statt sie von außen aufzusetzen..
Noch drastischer wird der Text, wenn Härtel seinen eigenen Weg in den Widerstand und die Haft schildert: vom Transparent „Freiheit für alle politischen Gefangenen in der DDR!“ auf dem Zwickauer Hauptmarkt über die Verhöre der Staatssicherheit bis hin zur Untersuchungshaft und der verrohten Gefängnisroutine. Hier verbindet sich präzise Erinnerung mit einem sarkastischen Ton – etwa wenn er die Wärter konsequent „Wachteln“ nennt oder die Stehzelle als Alltag einer „sozialistischen“ Justiz beschreibt.
Auch die Menschen, die Härtel porträtiert, bleiben im Gedächtnis:die unerschütterliche Mutter, die frühmorgens den Ofen anheizt und später den Hausbau organisiert;
der Stiefvater, der innerhalb des Systems mit Parteibuch und Improvisation das Möglichste für seine Familie herausholt;
- Karlchen, der 75-jährige Polier, der auf der Baustelle noch einmal auflebt;
- die herzkranke Großmutter, deren Abhängigkeit von Westmedikamenten die Rentnerrealität der DDR bündelt;
- oder DJ Ulli, der privilegierte Schallplattenunterhalter, der sich im Osten ein kleines Parallelleben einrichtet – und nach der Wende im freien Markt untergeht.
Sprachlich ist das Buch direkt und unprätentiös – ein mündlicher Ton, der an lange Gesprächsabende erinnert. Das macht den Text einerseits sehr flüssig lesbar, andererseits verzichtet er bewusst auf Distanzierung. Härtel verhandelt seine Themen nicht akademisch, sondern mit emotionaler Schärfe: Wut, Trauer, Dankbarkeit und Ironie stehen dicht nebeneinander.
Die chronologische Struktur – von 1965 über Schule, Ferienlager, Disco, Hausbau, Widerstand und Haft bis zur Ausreise 1984 – macht das Buch zugleich zu einem Zeitdokument. Es zeigt, wie sich „Geschichte“ im Kleinen ereignet: im Kohlekeller, in der Schlange vor der Fleischerei, in der FDJ-Disko oder im Verhörraum.
Beim Lesen hatte ich von Anfang an das Gefühl, nicht nur eine Lebensgeschichte vor mir zu haben, sondern einen sehr persönlichen Versuch, Vergangenheit greifbar zu machen. Das titelgebende Foto wirkt dabei wie ein emotionaler Ankerpunkt, von dem aus sich die gesamte Erzählung entfaltet.
Viele der beschriebenen Alltagssituationen lassen sich beim Lesen mühelos bildlich nachvollziehen: kleine Wohnungen, familiäre Routinen, improvisierte Lösungen für scheinbar banale Probleme – und jene Momente, die aus heutiger Sicht zugleich fremd und vertraut erscheinen. Besonders die Schilderungen aus Kindheit und Jugend wirken authentisch, weil sie nicht nur von Entbehrungen, sondern auch von Zusammenhalt, Kreativität und kleinen Glücksmomenten erzählen.
Auffällig ist zudem die Detailtiefe, mit der familiäre Beziehungen dargestellt werden. Die Rolle der Mutter, die Dynamik zwischen den Geschwistern oder die Bedeutung von Verwandten und Bekannten im Alltag werden so lebendig beschrieben, dass beim Lesen beinahe das Gefühl entsteht, selbst Teil dieser Welt zu sein. Viele Episoden wirken wie Momentaufnahmen – ähnlich einem Foto –, die für sich stehen und doch ein größeres Gesamtbild ergeben. Sehr gern empfehle ich das Buch weiter.
Heidelinde Penndorf
(Februar 2026)

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