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Montag, 2. Februar 2026

⭐neue Leseempfehlung:⭐ Thanatos - Der Kelch der Zeit - Jean P. & Esther Novalis



Mit Thanatos – Der Kelch der Zeit legen Esther Novalis und Jean P. ein Werk vor, das weit über klassische Science-Fiction hinausgeht. Mutig ist vor allem der gewählte Erzählweg: ein konzentriertes, nahezu durchgehendes Lesen wird nicht nur eingefordert, sondern geradezu vorausgesetzt. Das Ergebnis ist ein Roman, der intellektuell fordernd und zugleich fesselnd wirkt. Die Erzählung bewegt sich souverän zwischen Zeitreisebericht, Zukunftsvision, philosophischer Reflexion und gesellschaftlichem Kommentar zu Technologieethik, Klassengegensätzen und Verantwortungskultur. In dieser formalen wie inhaltlichen Ambition überzeugt das Werk auf ganzer Linie.

Besonders klug getroffen ist die Entscheidung, die Handlung als dokumentierte Radiosendung beziehungsweise Holo-Podcast aus der Zukunft zu präsentieren. Dieser Kunstgriff entfaltet eine außergewöhnliche Wirkung: Er erzeugt Nähe zu Realität und faktischem Wissen und verunsichert die Leserschaft zugleich auf produktive Weise. Was ist Bericht, was Mythos, was Projektion? Gerade diese bewusst gesetzte Unschärfe gehört zu den großen Stärken des Romans. Fiktion erscheint hier nicht als Gegenentwurf zur Wirklichkeit, sondern als deren Spiegel und Erweiterung.

Inhaltlich entfaltet sich ein dichtes Geflecht aus Zeitlinien, Paralleluniversen und interstellaren Begegnungen, welches trotz seines kosmischen Maßstabs stets am Menschlichen verankert bleibt. Figuren wie Jabari, Tumaini und Sababu sind emotional glaubwürdig gezeichnet; ihre inneren Konflikte erden die großen Ideen und verleihen ihnen Gewicht. Der sagenumwobene Kelch fungiert dabei weniger als bloßes Genre-Artefakt denn als symbolisches Zentrum für Verantwortung, Erinnerung, Macht und ethische Grenzziehungen. Zugleich ist er ein Sinnbild von Innigkeit und tiefem Gefühl, ein Zeichen für Völkerverständigung und Frieden. Und das nach innen wie nach außen, sowie für die fragile, doch hoffnungsvolle Stabilität der Universen. In ihm spiegelt sich das Mitgefühl der Welten, das verbindet, was Zeit, Raum und Herkunft zu trennen versuchen.

Dies zeigt sich etwa in den moralischen Belastungen von Zeitreisen oder im Eloi-Morlocks-Konflikt, der Gendefekte, Heilungsversprechen und soziale Hierarchien miteinander verschränkt. Und natürlich sind die Protagonisten auch vor Romanesco nicht sicher – ein Detail, das die existenzielle Fallhöhe zusätzlich schärft.

Sprachlich bewegt sich der Roman sicher zwischen nüchterner Dokumentation und poetischer Verdichtung. Literarische, historische und philosophische Bezüge – von H. G. Wells, Gene Roddenberry bis hin zu politischen und mythologischen Motiven – sind organisch eingewoben. Sie wirken nie ornamental, sondern vertiefen den Text und laden zu einer reflektierenden Wiederlektüre ein, bei der sich neue Bedeutungsschichten erschließen.

Besonders hervorzuheben ist die Bedeutung dieses Bandes im Gesamtwerk des Autorenduos. Die vorhergehenden Teile finden hier eine konsequente und zugleich emotionale Vollendung. Offene Fragen werden gebündelt, thematische Linien geschlossen, Motive aufgelöst. Rückblickend beginnt das gesamte erzählerische Universum in neuem Licht zu leuchten. Dieser Schlusspunkt wirkt stimmig, mutig und erzählerisch kraftvoll, auch wenn die damit verbundenen Helden-Risiken bewusst ambivalente Grauzonen öffnen und nicht jede moralische Entscheidung eindeutig ist.

Thanatos – Der Kelch der Zeit ist ein anspruchsvolles, vielschichtiges Werk, das seine Leserinnen und Leser fordert, ohne sie zu verlieren. Der Roman beweist eindrucksvoll, dass deutschsprachige Science-Fiction literarisch tiefgründig, reflektiert und visionär sein kann – und markiert damit einen würdigen Abschluss eines außergewöhnlichen Projekts. Ein Buch voller Gefühl, in dem Denken und Empfinden eins werden – getragen von der Sehnsucht nach Frieden, Verständnis und der leuchtenden Beständigkeit des Menschlichen im Universum. Ich wünsche mir von diesem Autorenduo weitere solche tiefgründigen SF-Bücher.

Auch der letzte Teil der Trilogie ist sehr empfehlenswert.

Heidelinde Penndorf

(Februar 2026)













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